Freiheit, Gerechtigkeit‚ Vernunft oder Wildpferde wollen gezähmt
sein
Kaum mehr, als nur ein Stückchen Fleisch ist sie, die Zunge,
doch ungestüme wie das Pferd ist sie, das junge.
Lässt man es frei und ungezügelt je für sich gewähren,
wird seinem Herrn der Ehre es wohl kaum bescheren.
Ein Pferd, das Tugend und Moral sollten zureiten,
ansonsten wird es Unheil sogar stiften und verbreiten.
Ins Feld der Lüge und Verleumdung wird es sich nicht scheuen,
zu treten und die Saat für‘s Misstrauen zu streuen.
Den Zaun des Anseh‘ns eines jeden will es gern durchbrechen!
Von seinen großen, kleinen Fehlern hinter seinem Rücken sprechen.
Zerreißen wird es im Galopp feiner Gefühle Bande,
zertrümmern den Respekt salopp jener im Menschenlande,
zertretend ungehobelt mit den harten Hufen,
die Weideplätze, die wir für das Herz uns schufen.
Den Keim der Grobheit und des Dreisten umhertragend
sich über alle Hürden guter Sitten und Manieren eitel hinwegwagend.
Und nie erscheinet ihm sein Tun als eine Schande:
es ist ein Pferd, ein Tier - entbehrend des Gewissens, dem Verstande.
Doch wir - wir sollten uns an seiner Stelle schämen,
dass wir versäumen, diesen Wildfang uns zu zähmen.
Ist es nicht dieser Rappe, der die Zwietracht stiftet?
Der das Verständnis und die Achtung für die andr‘en mit der Zeit
vergiftet?
Gebietet nicht schon Nächstenliebe und Vernunft, dass man,
dem unbedachten Wesen, diesem, die Zügel leget an?
Soll es in eine Richtung uns verschleppen, die ihm g ‘rade so beliebt?
Nein! Du sollst‘s sein, ja Du, der ihm die Richtung gibt!
Ja selbst im Zorne, und ganz besonders dann,
zieh Du der Zunge feste ihre Zügel stramm.
Denn wenn des Zornes Wogen einmal in uns schäumen,
dann will auch sie in wilder Art im Munde sich aufbäumen.
Oft musst Du selbst das Pferd zum Stehen bringen gar,
sonst stoßt es um, was aufzubauen, Dir gelungen war.
Bei inn‘rer Ruhe lass die Zunge schöner als die Blumen sprechen.
Verzichte großzügig darauf für grobe Worte Dich auf gleiche Art zu
rächen.
Und wenn Du schulst sie, mag es Dir wohl auch gelingen,
die Klinge eines Gegners schlagfertig und gekonnt zu überspringen.
Und lass, so oft es ausreicht nur, milde und gut sie reden.
Sag Dir: Ein wohles Reden pflegen bringt jedem Redner Segen!
Lass sie die Wahrheit sagen, falls dies als gut ist zu erkennen,
lass Barrikaden sie wegtragen, die künstlich uns von and ‘ren Menschen
trennen!
Setzt euch bewusst hinein in diesen Sattel eures Pferdes,
schlichtend begebt euch in die Mitte eines Zwietrachtherdes,
heilsamen Seelenbalsam und der Worte, rechte, zu verteilen,
den Ratlosen mit Ratschlägen zur Hilfe eilen!
Die Menschheit heute braucht dies doch um an der Seel zu heilen,
denn baumelt nicht das Schicksal ihr schon lang an losen Seilen?
Nun gut!
Du bist es, der dem Zungenpferde am Zügel freien Lauf gewährt.
Du bist es, der die Peitsche spürt, wenn Du die Umwelt Dir verheerst.
Du bist ‘s, dem ein großer Lohn gebührt,
wenn Du den Mitmenschen durch Deine Worte Wohl und Heilsames bescherst.