MM:
Sehr geehrte Schwester im Islam. Sicherlich hunderte Male haben Sie die
Beweggründe für Ihre Entwicklung zum Islam geschildert, aber auch unsere
Leser interessieren sich immer wieder dafür.
Mouzaoui:
Ich bin in einer katholischen Familie
aufgewachsen, jedoch das Gottesbild, das mir im katholischen Glauben
vermittelt wurde, habe ich schon als Kind nie nachvollziehen können warum
braucht Gott einen Sohn, wenn Er selber unendlich ist, Dreifaltigkeit, etc.
Leider konnte mir niemand befriedigende Antworten auf meine Fragen geben.
Ich wandte mich irgendwann völlig vom Glauben ab, hoffte aber innerlich
doch, dass es eine höhere Macht gäbe, die alles leitet und sich irgendwann
mir offenbaren würde.
Als ich in Kontakt mit Muslimen kam, hat mich
deren Lebensweise sehr fasziniert. Ich wusste zu dieser Zeit praktisch
nichts über den Islam, so dass ich mich ohne große Vorurteile nähern konnte.
Nach vielen Büchern und durchdiskutierten Nächten mit Muslimen war mir klar,
die Vorstellung, die der Islam von Gott hat, deckt sich genau mit meinen
Vorstellungen. Ich war damals noch nicht bereit, mich an alle Regeln, die
der Islam hat, zu halten, aber der philosophische Weg war mir klar. Eines
Abends, ich befand mich gerade in einer Lebenskrise, auf einem meiner
zahlreiche Spaziergänge in der Natur, die mich sehr beruhigten, hatte ich
beim Betrachten des Sonnenunterganges eine Art persönlicher
Offenbarungserlebnis: Gott existiert, Er ist bei mir, er wird mir helfen aus
dieser Krise zu kommen, vertrau Ihm nur!
Plötzlich verspürte ich ein tiefes Verlangen zu
beten wie die Muslime: Ich verspürte den inneren Drang, mich voller Demut
auf dem Boden vor Gott zu verneigen wie ich es bei den Muslimen gesehen
hatte. Ich widerstand dem Drang, dies nun in aller Öffentlichkeit zu tun und
betete dann zuhause voller Befriedigung. Dies war mein persönlicher
Übertritt zum Islam, nur Allah war mein Zeuge!
Ich kostete damals noch das Gefühl aus, meinen
Übertritt geheim zu halten, wie eine Liebesbeziehung, von der niemals etwas
erfahren soll, weil sie erstens so überwältigend ist, dass man sie in Worten
nicht ausdrücken kann, und weil zum anderen die Mitwelt mit der Partnerwahl
nicht einverstanden sein könnte. Mein Leben hat sich dadurch verändert, dass
ich allem ein bisschen gelassener entgegensehen konnte, weil ich die
göttliche Unterstützung direkt erfahren habe.
MM:
Eine erwachsene Frau aus Oberbayern, die zum Islam übertritt, war das nicht
ein Skandal für Ihre Umgebung und die Verwandtschaft?
Mouzaoui:
Es gibt durchaus auch tolerante und
aufgeschlossene Bayern und ein nicht unerheblicher Teil davon ist in meinem
Heimatdorf angesiedelt.
Anfangs ich bin ja nicht gleich mit Kopftuch
und wallenden Gewändern aufgetaucht nahm man es als eine Art
Esoterik-Spinnerei mit orientalischem Touch. Irgendwann trug ich dann ein
Kopftuch das nahm mir meine Familie schon erst mal übel. Ich habe aber
versucht, mich dem moralischen Ideal des Islam anzunähern Respekt vor den
Eltern, Hilfsbereitschaft, gute Nachbarschaft etc.
Die Nachbarn fanden den Übertritt eher
interessant und waren neugierig, meinen Eltern war es anfangs peinlich.
Mittlerweile haben sie aber erkannt, dass dies mein Weg ist, und vor nicht
allzu langer Zeit sagte meine Mutter zu mir: bleib wie du bist.
MM:
Und hat ihr Dorf heute keine Angst mehr vor einer Kopftuchträgerin?
Mouzaoui:
Ich bin nicht oft dort zu Besuch, aber
grundsätzlich erfahre ich positive Reaktionen. Man merkt, dass die Menschen
durchaus in der Lage sind, auch den Menschen zusehen, der unter dem Tuch
steckt.
MM:
Was können Sie jungen konvertierten Muslimas im Umgang mit ihren Eltern
ausgehend von ihren Erfahrungen empfehlen?
Mouzaoui:
Der Islam lehrt, Respekt vor den Eltern zu haben.
Das heißt auch, deren Überzeugungen und evtl. Vorurteile zu respektieren.
Die Meisten Menschen beziehen ihr Wissen über den Islam von den Medien. Bei
Eltern von Konvertierten ist auch ein großes Stück Angst mit dabei, dass das
Kind und man bleibt immer Kind seiner Eltern! - auf falsche Wege gerät
oder Probleme bekommt, durch seine Überzeugung.
MM:
Bei den Angaben zu Ihrer Biographie haben Sie Mutter und Hausfrau vor dem
Vorsitz in einer islamischen Gemeinde und anderen Dingen angegeben, was
darauf schließen lässt, dass Sie auch darin eine Berufung sehen. Wie kann
man Ihrer Meinung nach jungen Muslimas erklären, dass die Antwort auf die
Berufsfrage "Ich bin Mutter und Hausfrau" nichts abwertendes ist?
Mouzaoui:
Jede Muslima kennt den Hadith (Überlieferung des
Propheten): Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter. Nur
leider ist im Alltagstrott nicht viel davon zu spüren! Es ist aber schade,
dass auch unter den Muslimen der Trend dahin geht, dass etwas, das kein Geld
bringt, auch keinen Wert hat.
Wir sollten die Verantwortung, ein Kind zu
erziehen, nicht unterschätzen! Nur ein Kind, das fest verwurzelt ist, kann
später hoch hinaus wachsen. Wer soll den Kindern Wurzeln geben, wenn nicht
die Eltern? Es hat mit Urvertrauen zu tun, mit dem Wissen, es ist jemand da,
wenn ich Hilfe brauche egal ob es ein aufgeschlagenes Knie ist oder
Liebeskummer! Sicher könnte dieses Vertrauen auch von einer Tagesmutter,
Erzieherin usw. kommen. Aber das Kind wird sich irgendwann fragen, ob wir es
als Eltern wirklich gewollt haben, wo wir es doch abschieben und uns keine
Zeit dafür nehmen! Bei allem Stress den das Familienmanagement manchmal mit
sich bringt, wer sich der Kindererziehung entzieht, verschenkt damit ein
großes Potential! Wir Frauen sind nicht umsonst mit emotionaler Intelligenz
und sozialer Kompetenz ausgestattet. Es ist auch eine Frage von weiblichem
Selbstbewusstsein zu sagen: Ja, ich bin in der Lage meinen Kindern all das,
was sie für ihr späteres Leben brauchen, selber zu geben besser als jede
Erzieherin, weil es keine größere Motivation als die Liebe geben kann!
Oft sind es die Eltern, die ihre Kinder
abgeschoben haben, die später als alte Menschen auch von ihren Kindern
abgeschoben werden, weil diese nichts von verantwortlicher Liebe gelernt
haben.
MM:
Als ausgebildete Fotografin und Musikerin versuchen Sie Ihre Kenntnisse für
den Islam einzusetzen. Wie erfolgt das konkret?
Mouzaoui:
Ich schreibe Kinderlieder mit islamischen Texten,
weil Lieder für die kindliche Entwicklung enorm wichtig sind und ich auch
die religiösen Inhalte über die Musik spielerisch transportieren kann.
Mittlerweile habe ich 2 CDs aufgenommen, eine
dritte, die ohne Melodieinstrumente, nur mit Trommeln begleitet werden soll
- ist noch in Arbeit momentan kann ich aber aus Zeitmangel nicht ins
Studio. Mit islamischen Religionslehrern veranstalte ich Workshops zum Thema
Musik im Unterricht.
Darüber hinaus plane ich einen Fotoband über
Muslime in Deutschland ich will damit die Normalität des islamischen
Alltags darstellen und über eine betont persönliche Betrachtungsweise
Intimität herstellen. Der Mensch ist sehr visuell geprägt und im Zeitalter
der optischen Reizüberflutung ist es wichtig, ein Gleichgewicht zu den sehr
einseitigen Darstellungen über den Islam zu schaffen.
MM:
Wie haben Sie den Chor für Ihre CDs zusammengestellt?
Mouzaoui:
Das waren Kinder von Bekannten und meine eigenen
Kinder. Die Aufnahmen im Studio waren ein wenig chaotisch, haben aber einen
Riesenspaß gemacht.
MM:
Haben Ihnen jemals Muslime Probleme wegen der Musik gemacht?
Mouzaoui:
Ja, ich habe schon einige sehr heftige Reaktionen
erhalten, warum ich Musik verwende, das sei doch alles haram (verboten) und
man darf höchstens trommeln usw. Diese Stimmen verstummten aber, sobald ich
konkrete Belege forderte, ob und wo denn der Koran Musik verbiete.
Ich habe auch selber Texte gesammelt, in denen
islamische Gelehrte zum Thema Musik Stellung nehmen.
Ich respektiere aber durchaus die persönliche
Einstellung eines Menschen, der keine Musikinstrumente hören möchte, weil
sie ihn von Gott ablenken. Deshalb habe ich auch Lieder geschrieben, die
ganz ohne Musikbegleitung auskommen.
MM:
Fotografieren Sie auch noch?
Mouzaoui:
Ja, momentan mehr privat. Es beruhigt mich, wenn
ich in der Natur wandere und auf der Suche nach Motiven bin.
MM:
Als zweite Vorsitzende einer islamischen Gemeinde in Deutschland
widersprechen Sie den Klischees bezüglich Frauen im Islam. Welche Aufgaben
verbinden sich damit?
Mouzaoui:
Das sind in erster Linie Verwaltungsaufgaben und
Öffentlichkeitsarbeit. Ich versuche vor allem, mich auf dem kulturellen
Sektor einzubringen.
MM:
Hat die Heirat mit einem Ausländer Sie zu einem Multi-kulti-Menschen
gemacht?
Mouzaoui:
Nicht wirklich, ich glaube, ich war schon vorher
eine Art Multi-Kulti-Mensch und deshalb habe ich mich zu Menschen hingezogen
gefühlt, von denen ich auf kulturellem Gebiet etwas Neues lernen konnte, wo
eine gegenseitige Ergänzung möglich ist.
Wenn man, wie ich, auf einem geografisch wie
kulturell sehr kleinen und eng gesteckten Rahmen aufwächst, dann gibt es
zwei Möglichkeiten: erstens man entwickelt Angst vor allem was fremd und
Unbekannt ist, oder zweitens man bekommt eine große Sehnsucht nach Fremdem
und Neuem. So war es bei mir. Ich wollte immer fremde Länder und Menschen
aus anderen Kulturen und unterschiedliche Denkweisen kennen lernen.
Das hat mir geholfen, toleranter zu werden,
aber auch, mich mit meiner eigenen Herkunft, meinem Deutsch-sein zu
versöhnen!
MM:
Hat sich Ihr Leben seit dem 11. September geändert?
Mouzaoui:
Ich habe gottlob in meinem persönlichen Umfeld
keine große Veränderung erfahren. Der Eindruck, dass viele Menschen durchaus
in der Lage sind zu unterscheiden, hat sich immer wieder bestätigt.
Ich bin aber auch selber aktiver geworden und
ich achte auch verstärkt darauf, wie das, was ich tue und sage, von meinem
Gegenüber wahrgenommen und verstanden werden könnte. Besonders deshalb
versuche ich, den Dialog auch auf andere Ebenen zu leiten, denn Sprache
birgt grundsätzlich die Gefahr, missverstanden zu werden.
So habe ich kürzlich in der Moschee ein
Kunstausstellung organisiert mit zeitgenössischer islamsicher Kunst, die ein
völlig anderes Bild vom Islam widerspiegelt, als es momentan in den Köpfen
präsent ist. Wie ich oben schon erwähnte, versuche ich, mich vor allem auf
kulturellem Gebiet einzubringen, um zu zeigen, dass die Religion zu allen
Zeiten ein Motor war für die kulturelle und künstlerische Entwicklung, und
dass der Islam da keine Ausnahme macht. Man denke z. B. an die großartigen
Kunstwerke aus der maurischen Epoche Spaniens.
MM:
Können Sie sich als Kennerin eines bayerischen Dorfes vorstellen, dass der
Islam eines Tages einheimisch, also von der Bevölkerung genau so akzeptiert
wird, wie diverse christliche Konfessionen?
Mouzaoui:
Ich habe sehr viel Phantasie und deshalb kann ich
mir das schon vorstellen.
Im Ernst: Es braucht bestimmt noch sehr viel
Zeit und sehr viel Dialogarbeit auf allen Ebenen, aber ich denke, dass
unsere Kinder und Enkel die Situation sehr viel positiver erleben werden.
Wir befinden uns in einer Phase, in der die
Fehler der Vergangenheit von Seiten der Politik aber auch von Seiten der
Muslime selber ausgeräumt werden müssen. Das ist ein großes und schweres
Stück Arbeit, aber ich sehe wirklich positiv in die Zukunft.
MM:
Welche Hoffnung verbinden Sie mit der Zukunft in diesem Land?
Mouzaoui:
Wir erleben hier Demokratie und Meinungsfreiheit
auch wenn der Begriff der Meinungsfreiheit manchmal etwas verzerrt
wahrgenommen wird.
Die überwiegende Mehrheit der Muslime fühlt
sich der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Deutschland
verpflichtet und sieht in Deutschland ihre Heimat. Wenn dies auch von der
Öffentlichkeit als selbstverständlich wahrgenommen wird, kann ein Prozess
der gegenseitigen Bereicherung, der Akkulturation einsetzen.
MM:
Frau Mouzaoui, wir danken Ihnen für das Interview
Mouzaoui:
Ich danke Ihnen!