MM: Sehr geehrter Herr Dr. Hassan. Wie geht
es Ihnen heute, ist Ihre Familie im Libanon von dem Krieg betroffen?
Dr. Hassan: Ich kenne keine Familie im
Libanon, die nicht von dem Krieg betroffen ist. Viele Familien haben eigene
Verletzte und Tote. In jeder Familie gibt es unzählige Flüchtlinge. Das Leid
hat ein Ausmaß erreicht, dass jede Familie im Libanon, unabhängig davon, ob
Muslim, Christ oder Andersgläubig, davon betroffen ist. Dieser Krieg hat die
Libanesen vereint. Die Christen öffnen ihre Schulen und spenden für ihre
vertriebenen muslimischen Landsleute. Meine Eltern und viele andere
Südlibanesen machen diesen Exodus zum Dritten mal, manche sogar zum vierten
mal. Die Bilder machen uns sehr traurig und es ist schwer soviel Leid zu
ertragen. Sie haben alle die Bilder von Qanaa gesehen, wir leben schon in
einer grausamen Welt.
MM: Wie erklären sie sich die Situation?
Dr. Hassan: Sehen Sie, ich bin Arzt und kein
Politiker. Ich versuche das ganze von der menschlichen Seite zu sehen. Ich
bin mit dem Krieg aufgewachsen und habe die israelische Invasion 1982 erlebt
und kann die Situation im Moment gut nachvollziehen. Ich sage mir aber trotz
all dem Leid und der Zerstörung, wir dürfen nicht in Untätigkeit versinken
und uns von der Tragik der Situation lähmen lassen. Aber die Politiker
müssen sich schon Gedanken machen über die Ursachen dieser Katastrophe. Ich
finde dass die Menschen in Deutschland keine Möglichkeit haben, sich frei
und unvoreingenommen ein sachliches Urteil über diesen Konflikt zu bilden.
Wir leben in einem Land, deren höchste Repräsentantin, bei der man gute
Kenntnisse der politischen Lage und Ereignisse voraussetzt, von
Selbstverteidigung spricht und trotz der christlichen Gesinnung ihrer Partei
nicht einmal einen sofortigen Waffenstillstand befürwortet, um das Leid der
Menschen und die wahnsinnige Zerstörung des Landes zu stoppen. Natürlich
spielen die parteiischen und pro-israelischen Medien eine große Rolle in der
Meinungsbildung der Menschen hier. Aber ich treffe viele Mitbürger deren
normales und gesundes Gespür für Ungerechtigkeit noch funktioniert.
MM: Seit neun Jahren sind Sie im Vorstand
des Waisenkinderprojektes e.V. Stellen Sie uns kurz Ihre Arbeit vor.
Dr. Hassan: Das Waisenkinderprojekt e.V. ist
ein eingetragener gemeinnütziger Verein, der zur Zeit der letzten Invasion
Israels in den Libanon gegründet wurde. Damals verloren viele Kinder ihre
Eltern oder den versorgenden Teil der Eltern und wurden zu Waisen oder
Halbwaisen. Da wir hier selbst in einem vergleichsweise hohen Lebensstandard
leben und immer wieder mit der Frage konfrontiert wurden, wie man denn
diesen Kindern helfen könnte, haben wir den Verein in Kooperation mit
Organisationen im Libanon gegründet. Er vermittelt direkt Patenschaften zu
Kindern, die ihre Eltern verloren haben. Die Hilfen schließen neben der
Unterkunft und Grundversorgung vor allem die schulische Ausbildung ein.
Dabei versuchen wir die Kinder - so weit möglich - bei dem überlebenden
Elternteil zu belassen bzw. bei nahen Verwandten, die sie aufnehmen und
gewähren ihnen eine finanzielle Unterstützung, sowie Hilfe bei den
Behrödengängen usw. Jeder Pate kann - falls er Arabisch kann - auch einen
direkten brieflichen Kontakt zu seinem Patenkind aufbauen. Neben den
Patenschaften haben wir auch Spender, die uns helfen, ohne dass das Geld
einem bestimmten Kind zugeordnet wird. Mit diesen Spenden versuchen wir all
jenen zu helfen, die noch keinen Paten haben.
MM: Wie hoch ist ihr Verwaltungsaufwand?
Dr. Hassan: Unsere Arbeit in Deutschland
erfolgt rein ehrenamtlich. Denn die gespendeten Gelder sollen die Kinder
erreichen.
MM: Nun liegt der letzte Libanonfeldzug eine
Weile her und die Kinder der damaligen Opfer sind oft schon ausgewachsen.
Was haben Sie seither gefördert?
Dr. Hassan: Es stimmt, wir fördern die
Kinder nur so lange, bis sie eine geeignete Ausbildung erreicht haben, dass
sie sich selbst versorgen können bzw. einen Ehepartner gefunden haben, der
sie mitversorgt. Dadurch wurde die Zahl der Bedürftigen im Libanon immer
geringer. So haben wir Anfragen von den unzähligen Waisenkindern aus
palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon bekommen, die wir nach
Einzelprüfung auch mit versucht haben zu unterstützen. Viele Kinder waren
hilflos, weil ihre Verwandten und Versorger verschleppt und in israelischen
Gefängnissen waren, allein über 10.000 Palästinenser sind ja in israelischen
Gefängnissen. Die Kinder kamen mit Anderen in die Flüchtlingslager im
Libanon. Die Kapazitäten unserer Arbeit reichen aber bei Weitem nicht aus,
all das Leid in der Region zu lindern, und daher konzentriert sich die
Arbeit auf den Libanon. Und nach der aktuellen Entwicklung müssen wir uns
auch wieder auf die unzähligen Waisenkinder im Libanon bemühen.
MM: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit
den Stellen Vorort im Libanon?
Dr. Hassan: Einer unserer langjährigen
Vorsitzenden in Deutschland ist in den Libanon gezogen und koordiniert dort
die Arbeit mit den örtlichen Behörden und Organisationen. Der Ablauf
funktioniert einwandfrei und einige unserer Paten haben in Friedenszeiten
auch ihre Patenkinder besucht, obwohl das nur in Ausnahmefällen empfohlen
wird, da es vielen Patenkindern eher peinlich ist, ihre Paten in meist sehr
ärmlichen Verhältnissen empfangen zu müssen.
MM: Kooperieren Sie auch mit Organisationen
im Libanon, die in Deutschland kritisch betrachtet werden?
Dr. Hassan: Das Waisenkinderprojekt Libanon
e.V. ist eine unabhängige Organisation, die sich ausschließlich um
hilfsbedürftige Kinder kümmert. Alle Gelder fließen unmittelbar und
nachweislich direkt (z.B. für die Versorgung) oder indirekt (z.B. für die
Schulausbildung oder Gesundheit) den geförderten Kindern zu! Jegliche
Versuche, die Gemeinnützigkeit dieses Projektes anzuzweifeln rührt aus
Quellen, die nicht einmal den Waisenkindern im Libanon eine Hilfe gewähren
wollen. Leider haben wir bis jetzt wenig Resonanz für unserer Arbeit in der
einheimischen Bevölkerung in Deutschland gefunden. Aber möglicherweise
kennen viele Deutsche unsere Arbeit nicht. Aufgrund von Personalmangel haben
wir unserer Internetseite noch nicht fertig aufbauen können. Ich denke ein
Grund dafür ist auch die Sensibilität der Deutschen Bevölkerung gegenüber
Israel und auch die Terrorismus-Diskussion, die betrieben wird. Leider
beeinflussen die Medien die Menschen hier und dadurch wird eine
differenzierte Meinungsbildung sehr schwierig. So wird beispielsweise eine
Partei die von der Mehrheit der Libanesen gewählt wird, im Parlament
repräsentiert ist und mehrere Minister in der Regierung stellt, von manchen
in der westlichen Welt als terroristisch eingestuft. Eine Ausgrenzung diese
Partei ist für Libanesen nicht möglich. Wer will sich von Bekannten,
Verwandten und die vielen vielen Menschen die zum normalen Gemisch der
libanesischen Bevölkerung gehören, distanzieren? Zur Zeit stehen alle
Libanesen, Christen, Moslems und alle anderen hinter dieser Partei, weil sie
das Land verteidigt gegen die israelische Aggression. Wer will zur Zeit den
Libanesen etwas über Terrorismus erzählen? Sie alleine können der ganzen
Welt erzählen was Terrorismus ist. Die Bilder der zerstückelten Kinder und
des zerstörten Landes, Qanaa 1 und 2 und die vielen anderen Massaker müssten
eigentlich die ganzen Menschen in der ganzen Welt wach rütteln.
MM: Wie ist ihr Eintrag in zwei
Landesverfassungschutzberichten in Deutschland Ihrer Meinung nach zu werten?
Dr. Hassan: Nach dem 11. September 2001
besteht in Deutschland eine besondere Sensibilität gegenüber alle
Organisationen, die in irgendeinem Zusammenhang mit muslimischen Ländern
stehen. Insofern wurde auch unser Verein mehrfach durchleuchtet. Wir konnten
immer nachweisen, dass unsere Arbeit rein karitativ ausgerichtet ist und die
Gelder wirklich den Waisenkindern zugute kommen, daher sind wir auch nach
wie vor als gemeinnützig anerkannt. Alles weitere müssten Sie den
Verfassungsschutz fragen. Es sei allerdings erwähnt, dass wir keine
ausschließlich muslimische Organisation sind, sondern unsere Unterstützung
allen Waisen zukommt.
MM: Wie sieht Ihre Arbeit aktuell aus?
Dr. Hassan: Im Augenblick haben wir
verständlicherweise der Überblick im Libanon verloren. Viele von uns
unterstützte Waisenkinder sind Flüchtlinge, einige sind Opfer, viele neue
Waisenkinder kommen hinzu bei bereits über 900 getöteten Zivilisten. Daher
versucht das Waisenkinderprojekt punktuell und unbürokratisch überall dort
humanitär zu helfen, wo Hilfe dringend benötigt wird. Daher sind wir derzeit
mehr denn je auf ungebundene Spenden angewiesen. Definierte neue
Patenschaften machen erst dann wieder Sinn, wenn die Waffen schweigen. Jetzt
wird jeder Cent benötigt um das schlimmste Leid lindern zu helfen.
MM: Wie kann man helfen?
Dr. Hassan: Durch eine Spende an:
Waisenkinderprojekt Libanon e.V.
Konto Nr. 7001688
BLZ: 61140071 (Commerzbank)
Verwendungszweck: Libanonhilfe 06
Bei Bedarf kann eine Spendenbescheinigung
ausgestellt werden.
MM: Wie kommt Ihr privates Engagement bei
Ihren Arbeitskollegen im Krankenhaus an?
Dr. Hassan: Es gibt viele Deutsche Ärzte,
die karitativ sehr aktiv sind und manche Unterstützen unsere Arbeit sehr
engagiert. Das Bild des reichen übersättigten Arztes entspricht nicht den
Ärzten, die täglich ihren Dienst im Krankenhaus ausüben und manche von uns
haben ihren jugendlichen Idealismus noch nicht verloren. Was mich betrifft ,
kann ich mir mein Leben ohne ein solches Engagement nicht mehr vorstellen
und danke Gott, dass er mir diese große Chance gegeben hat.
MM: Dr. Hassan, wir danken für das Interview
und wünschen Gottes Segen bei Ihrer Arbeit.