Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Dr. Hicham Hassan
 

Muslim-Markt interviewt 
Dr. Hicham Hassan, Leiter des Waisenkinderprojekte Libanon e.V.

5.8.2006

Hicham Hassan ist 1966 in Beirut im Libanon geboren und absolvierte dort 1984 sein Baccalaureat libanais (libanesisches Abitur). Ein Jahr später siedelte er nach Deutschland. Nach dem Lernen der deutschen Sprache begann er sein Studium der Medizin und schloss es 1994 ab, bildete sich weitere zwei Jahre zum Facharzt aus und ist seit 1998 als Chirurg in Deutschland tätig. Er ist Mitbegründer des Vereins Waisenkinderprojekt Libanon e.V. und seit 1997 Vorstandsmitglied des Vereins.

Dr. Hassan ist verheiratet und zwei Kinder.

MM: Sehr geehrter Herr Dr. Hassan. Wie geht es Ihnen heute, ist Ihre Familie im Libanon von dem Krieg betroffen?

Dr. Hassan: Ich kenne keine Familie im Libanon, die nicht von dem Krieg betroffen ist. Viele Familien haben eigene Verletzte und Tote. In jeder Familie gibt es unzählige Flüchtlinge. Das Leid hat ein Ausmaß erreicht, dass jede Familie im Libanon, unabhängig davon, ob Muslim, Christ oder Andersgläubig, davon betroffen ist. Dieser Krieg hat die Libanesen vereint. Die Christen öffnen ihre Schulen und spenden für ihre vertriebenen muslimischen Landsleute. Meine Eltern und viele andere Südlibanesen machen diesen Exodus zum Dritten mal, manche sogar zum vierten mal. Die Bilder machen uns sehr traurig und es ist schwer soviel Leid zu ertragen. Sie haben alle die Bilder von Qanaa gesehen, wir leben schon in einer grausamen Welt.

MM: Wie erklären sie sich die Situation?

Dr. Hassan: Sehen Sie, ich bin Arzt und kein Politiker. Ich versuche das ganze von der menschlichen Seite zu sehen. Ich bin mit dem Krieg aufgewachsen und habe die israelische Invasion 1982 erlebt und kann die Situation im Moment gut nachvollziehen. Ich sage mir aber trotz all dem Leid und der Zerstörung, wir dürfen nicht in Untätigkeit versinken und uns von der Tragik der Situation lähmen lassen. Aber die Politiker müssen sich schon Gedanken machen über die Ursachen dieser Katastrophe. Ich finde dass die Menschen in Deutschland keine Möglichkeit haben, sich frei und unvoreingenommen ein sachliches Urteil über diesen Konflikt zu bilden. Wir leben in einem Land, deren höchste Repräsentantin, bei der man gute Kenntnisse der politischen Lage und Ereignisse voraussetzt, von Selbstverteidigung spricht und trotz der christlichen Gesinnung ihrer Partei nicht einmal einen sofortigen Waffenstillstand befürwortet, um das Leid der Menschen und die wahnsinnige Zerstörung des Landes zu stoppen. Natürlich spielen die parteiischen und pro-israelischen Medien eine große Rolle in der Meinungsbildung der Menschen hier. Aber ich treffe viele Mitbürger deren normales und gesundes Gespür für Ungerechtigkeit noch funktioniert.

MM: Seit neun Jahren sind Sie im Vorstand des Waisenkinderprojektes e.V. Stellen Sie uns kurz Ihre Arbeit vor.

Dr. Hassan: Das Waisenkinderprojekt e.V. ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein, der zur Zeit der letzten Invasion Israels in den Libanon gegründet wurde. Damals verloren viele Kinder ihre Eltern oder den versorgenden Teil der Eltern und wurden zu Waisen oder Halbwaisen. Da wir hier selbst in einem vergleichsweise hohen Lebensstandard leben und immer wieder mit der Frage konfrontiert wurden, wie man denn diesen Kindern helfen könnte, haben wir den Verein in Kooperation mit Organisationen im Libanon gegründet. Er vermittelt direkt Patenschaften zu Kindern, die ihre Eltern verloren haben. Die Hilfen schließen neben der Unterkunft und Grundversorgung vor allem die schulische Ausbildung ein. Dabei versuchen wir die Kinder - so weit möglich - bei dem überlebenden Elternteil zu belassen bzw. bei nahen Verwandten, die sie aufnehmen und gewähren ihnen eine finanzielle Unterstützung, sowie Hilfe bei den Behrödengängen usw. Jeder Pate kann - falls er Arabisch kann - auch einen direkten brieflichen Kontakt zu seinem Patenkind aufbauen. Neben den Patenschaften haben wir auch Spender, die uns helfen, ohne dass das Geld einem bestimmten Kind zugeordnet wird. Mit diesen Spenden versuchen wir all jenen zu helfen, die noch keinen Paten haben.

MM: Wie hoch ist ihr Verwaltungsaufwand?

Dr. Hassan: Unsere Arbeit in Deutschland erfolgt rein ehrenamtlich. Denn die gespendeten Gelder sollen die Kinder erreichen.

MM: Nun liegt der letzte Libanonfeldzug eine Weile her und die Kinder der damaligen Opfer sind oft schon ausgewachsen. Was haben Sie seither gefördert?

Dr. Hassan: Es stimmt, wir fördern die Kinder nur so lange, bis sie eine geeignete Ausbildung erreicht haben, dass sie sich selbst versorgen können bzw. einen Ehepartner gefunden haben, der sie mitversorgt. Dadurch wurde die Zahl der Bedürftigen im Libanon immer geringer. So haben wir Anfragen von den unzähligen Waisenkindern aus palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon bekommen, die wir nach Einzelprüfung auch mit versucht haben zu unterstützen. Viele Kinder waren hilflos, weil ihre Verwandten und Versorger verschleppt und in israelischen Gefängnissen waren, allein über 10.000 Palästinenser sind ja in israelischen Gefängnissen. Die Kinder kamen mit Anderen in die Flüchtlingslager im Libanon. Die Kapazitäten unserer Arbeit reichen aber bei Weitem nicht aus, all das Leid in der Region zu lindern, und daher konzentriert sich die Arbeit auf den Libanon. Und nach der aktuellen Entwicklung müssen wir uns auch wieder auf die unzähligen Waisenkinder im Libanon bemühen.

MM: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Stellen Vorort im Libanon?

Dr. Hassan: Einer unserer langjährigen Vorsitzenden in Deutschland ist in den Libanon gezogen und koordiniert dort die Arbeit mit den örtlichen Behörden und Organisationen. Der Ablauf funktioniert einwandfrei und einige unserer Paten haben in Friedenszeiten auch ihre Patenkinder besucht, obwohl das nur in Ausnahmefällen empfohlen wird, da es vielen Patenkindern eher peinlich ist, ihre Paten in meist sehr ärmlichen Verhältnissen empfangen zu müssen.

MM: Kooperieren Sie auch mit Organisationen im Libanon, die in Deutschland kritisch betrachtet werden?

Dr. Hassan: Das Waisenkinderprojekt Libanon e.V. ist eine unabhängige Organisation, die sich ausschließlich um hilfsbedürftige Kinder kümmert. Alle Gelder fließen unmittelbar und nachweislich direkt (z.B. für die Versorgung) oder indirekt (z.B. für die Schulausbildung oder Gesundheit) den geförderten Kindern zu! Jegliche Versuche, die Gemeinnützigkeit dieses Projektes anzuzweifeln rührt aus Quellen, die nicht einmal den Waisenkindern im Libanon eine Hilfe gewähren wollen. Leider haben wir bis jetzt wenig Resonanz für unserer Arbeit in der einheimischen Bevölkerung in Deutschland gefunden. Aber möglicherweise kennen viele Deutsche unsere Arbeit nicht. Aufgrund von Personalmangel haben wir unserer Internetseite noch nicht fertig aufbauen können. Ich denke ein Grund dafür ist auch die Sensibilität der Deutschen Bevölkerung gegenüber Israel und auch die Terrorismus-Diskussion, die betrieben wird. Leider beeinflussen die Medien die Menschen hier und dadurch wird eine differenzierte Meinungsbildung sehr schwierig. So wird beispielsweise eine Partei die von der Mehrheit der Libanesen gewählt wird, im Parlament repräsentiert ist und mehrere Minister in der Regierung stellt, von manchen in der westlichen Welt als terroristisch eingestuft. Eine Ausgrenzung diese Partei ist für Libanesen nicht möglich. Wer will sich von Bekannten, Verwandten und die vielen vielen Menschen die zum normalen Gemisch der libanesischen Bevölkerung gehören, distanzieren? Zur Zeit stehen alle Libanesen, Christen, Moslems und alle anderen hinter dieser Partei, weil sie das Land verteidigt gegen die israelische Aggression. Wer will zur Zeit den Libanesen etwas über Terrorismus erzählen? Sie alleine können der ganzen Welt erzählen was Terrorismus ist. Die Bilder der zerstückelten Kinder und des zerstörten Landes, Qanaa 1 und 2 und die vielen anderen Massaker müssten eigentlich die ganzen Menschen in der ganzen Welt wach rütteln.

MM: Wie ist ihr Eintrag in zwei Landesverfassungschutzberichten in Deutschland Ihrer Meinung nach zu werten?

Dr. Hassan: Nach dem 11. September 2001 besteht in Deutschland eine besondere Sensibilität gegenüber alle Organisationen, die in irgendeinem Zusammenhang mit muslimischen Ländern stehen. Insofern wurde auch unser Verein mehrfach durchleuchtet. Wir konnten immer nachweisen, dass unsere Arbeit rein karitativ ausgerichtet ist und die Gelder wirklich den Waisenkindern zugute kommen, daher sind wir auch nach wie vor als gemeinnützig anerkannt. Alles weitere müssten Sie den Verfassungsschutz fragen. Es sei allerdings erwähnt, dass wir keine ausschließlich muslimische Organisation sind, sondern unsere Unterstützung allen Waisen zukommt.

MM: Wie sieht Ihre Arbeit aktuell aus?

Dr. Hassan: Im Augenblick haben wir verständlicherweise der Überblick im Libanon verloren. Viele von uns unterstützte Waisenkinder sind Flüchtlinge, einige sind Opfer, viele neue Waisenkinder kommen hinzu bei bereits über 900 getöteten Zivilisten. Daher versucht das Waisenkinderprojekt punktuell und unbürokratisch überall dort humanitär zu helfen, wo Hilfe dringend benötigt wird. Daher sind wir derzeit mehr denn je auf ungebundene Spenden angewiesen. Definierte neue Patenschaften machen erst dann wieder Sinn, wenn die Waffen schweigen. Jetzt wird jeder Cent benötigt um das schlimmste Leid lindern zu helfen.

MM: Wie kann man helfen?

Dr. Hassan: Durch eine Spende an:

Waisenkinderprojekt Libanon e.V.
Konto Nr. 7001688
BLZ: 61140071 (Commerzbank)
Verwendungszweck: Libanonhilfe 06

Bei Bedarf kann eine Spendenbescheinigung ausgestellt werden.

MM: Wie kommt Ihr privates Engagement bei Ihren Arbeitskollegen im Krankenhaus an?

Dr. Hassan: Es gibt viele Deutsche Ärzte, die karitativ sehr aktiv sind und manche Unterstützen unsere Arbeit sehr engagiert. Das Bild des reichen übersättigten Arztes entspricht nicht den Ärzten, die täglich ihren Dienst im Krankenhaus ausüben und manche von uns haben ihren jugendlichen Idealismus noch nicht verloren. Was mich betrifft , kann ich mir mein Leben ohne ein solches Engagement nicht mehr vorstellen und danke Gott, dass er mir diese große Chance gegeben hat.

MM: Dr. Hassan, wir danken für das Interview und wünschen Gottes Segen bei Ihrer Arbeit.

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bullet Waisenkinderprojekt Libanon e.V.

 

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