MM: Sehr geehrte Frau Arbaoui. Warum leben
sie so gerne in der Türkei?
Arbaoui: Istanbul, wo ich derzeit lebe,
ist eine aufregende und wunderbare Stadt, in der sich die Tradition
mit der Moderne aufs sinnvollste vereint und viele Völker und Kulturen
auf friedlichste miteinander zusammenleben können. Zudem ist das Land
derart interessant an Kultur, Geschichte, an religiösen Strömungen und
an landschaftlichen Gegebenheiten, dass ein Leben nicht ausreicht, um
alle diese faszinierenden Eindrücke in sich aufzunehmen und die
Lebensart der Menschen wirklich kennen zu lernen. Die Türken sind
gastfreundschaftlich, herzlich, hilfsbereit und humorvoll, dass macht
den Lebensalltag leicht, trotz alltäglich auftretender Sorgen wie das
liebe Geldverdienen und für das eigene Heim zu sorgen. Zudem ist die
Türkei als Mittel- und Knotenpunkt zwischen dem Orient und dem
Okzident voller energiegeladener Spannungen und immer auf dem Sprung
etwas Neues zu wagen und die Zukunft neu zu gestalten. Ich bewundere
den Lebensmut, die Risikobereitschaft und den Ideenreichtum des
Volkes, den Schwung mit dem es zu leben und zu lieben wagt. Ich bin
selbst sehr schwärmerisch veranlagt und lass mich gerne mitreißen, sei
es Torheit oder Weisheit, nur eines vermag ich nicht zu ertragen, auf
einer Stelle stehen zu bleiben und ständig auf dem selben Punkt zu
verweilen. Ich denke, das die türkische und meine Seele sich an diesem
Punkt ganz gut verstehen und manchmal auch vereinen. Lachen und
Weinen, Jauchzen und zu Tode betrübt sein, alles ist in diesem Land im
Fluss der natürlichen menschlichen Gefühle geblieben und so vermag ich
von Herzen sagen, dass die Türkei mir sehr viel geschenkt hat und ich
Gott dafür nur danken kann. Ich habe wirklich gelebt und geliebt!
MM: Ihr erster Roman "Das Tor zur Ewigkeit"
handelt vereinfacht dargestellt vom "Kampf der Kulturen" allerdings weniger
auf globaler Ebene als auf persönlicher Ebene. Ist es auch eine Art
Autobiographie? Warum bewegt Sie das Thema so sehr?
Arbaoui: Als ich vor etwa 10 Jahren das
erste Mal in Istanbul war, kam das Buch, "Das Tor zur Ewigkeit" wie
eine Eingebung über mich. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht
erahnen, dass ich viele Dinge, die ich dann geschrieben habe, sich
auch wirklich so in meinem Leben entwickelten und ereigneten. Ich
schrieb von Krieg und der Invasion der reichen Industrienationen in
der islamischen Welt, als Afghanistan und der Irak noch keine Themen
in den Medien waren. Ich schrieb von dem modernem Kreuzrittertum und
der verpassten Chance, zwei Weltbilder und zwei Weltreligionen auf das
friedlichste miteinander zu vereinen, als es noch keinen 11. September
und die darauf folgenden Spannungen zwischen der "westlichen" und der
"östlichen" Hemisphäre gab. Ich versuchte in der Person der Camille,
nicht nur das reine und liebenswerte Geschöpf einer dem Islam
zugeneigten und von der Religion des Propheten Mohammad beeindruckten
Frau zu beschreiben sondern auch ihrer Traurigkeit Ausdruck zu
verleihen. Den zur Stummheit verurteilten Mund, der weder in
Deutschland noch in Europa auf die andere Seite des Islams aufmerksam
machen kann, seiner facettenreichen Kultur, seiner mystischen
Versunkenheit, seiner von tiefen Werten geprägten Lebensart und seiner
Liebe zu der Natur, zu den Menschen und zu Gott.
Ich konnte dann später als TV Journalistin erleben, dass sich der
Sachverhalt dann auch so vielfach in den Medien widerspiegelte. Um
trotzdem nicht den Mut zu verlieren und wie die Protagonistin des
Romans an der inneren Einsamkeit und Verzweiflung zu sterben, habe ich
versucht, mir ein zweites Standbein in der Türkei aufzubauen. Ein
Leben mit meinen beiden Pferden in der Natur und die Hinwendung zur
Ruhe und zur Besinnlichkeit, um die Freude und das Interesse am
eigenen Leben nicht zu verlieren. Ich habe den Roman erst nach acht
Jahren veröffentlicht, nachdem ich wirklich Seite für Seite nochmals
gelesen und geprüft habe, ob sich der Inhalt des Werkes auch wirklich
mit meinen innersten Überzeugungen vereint und mir als richtig
erscheint. Er gibt mir das eine gute Gefühl, dass ich als Zeitzeuge
nicht alle politischen Strömungen als richtig und gut befunden habe
und in vielen Dingen Abstand nehme zu der Politik wie sie derzeit in
den reichen Industrienationen und in den Vereinten Amerikanischen
Staaten betrieben wird. Wer weiß, vielleicht treibt mich mein nächster
Roman ja nach Afghanistan. Ich würde gerne eine Geschichte über eine
intellektuelle Frau schreiben, die von allen Seiten zerrieben wird und
sich am Ende fragt, was hat ihr den der so genannte Befreiungskampf
von Seiten der USA gegen die Taliban gebracht und muss sie wirklich
dankbar sein für eine Hilfeleistung, um die sie im Grunde genommen
nicht gebeten hat? Zumindest nicht auf diese Art!
MM: Unabhängig von den sehr
unterschiedlichen Strömungen unter Muslimen von den Taliban - Gott behüte
uns davor - bis zu den Mystikern ist doch sowohl das Frauenbild als auch das
allgemeine Schamgefühl im Islam und in der islamischen Familie anders als in
der westlichen Welt. Wie kommen Sie damit zurecht?
Arbaoui: Ich denke, man muss in allen
Ländern der islamischen Welt unterscheiden zwischen den Geboten der
Religion und traditionellen Überlieferungen. In der Türkei werden bis
heute Frauen getötet, wenn es den Anschein hat, dass die Ehre der
Familie verletzt haben. Meistens spielen sich solche Szenen in
ländlichen Gebieten ab oder bei Familien deren schulische Ausbildung
mangelhaft ist. Leider wird in den westlichen Medien ein solches
Vorgehen dann oft mit dem Islam gleichgesetzt, und ich denke, dass es
wichtig ist, dass islamische Gelehrte auf der ganzen Welt sich von
einer solchen Vorgehensweise distanzieren und ihren Worten Gehör
geschenkt wird.
Ich denke, dass Frauen in der islamischen Welt
immer eine bedeutende Rolle gespielt haben und man deren Leben und Ansichten
zu wenig Aufmerksamkeit in der westlichen Welt schenkt. Ich habe eine
Prüfung an der Universität Heidelberg abgelegt, die die Korrespondenz
zwischen dem libanesischen Schriftsteller Khalil Gibran und der ägyptischen
Gelehrten May Zia zum Gegenstand hatte. Das Leben dieser ungewöhnlichen Frau
hat leider in der westlichen Literatur keinen Einschlag gefunden und ihre
auf arabisch geschriebenen Werke wurden nicht übersetzt. In dem Sinne glaube
ich, dass es noch viel zu berichten gibt über Frauen in der islamischen
Welt, deren Leben und Handeln vorbildhaft ist. Sie haben in der
Entwicklungsgeschichte der Menschheit einen eigenen unabhängigen Beitrag
geleistet.
Wir neigen im Westen zu sehr zu einem kritischen
Weltbild, das zum Einen herabwürdigt, was den eigenen Wert- und
Glaubensvorstellungen nicht entspricht und in den meisten Fällen die Person
eines Menschen auf seine Fehler und Schwächen hin reduziert. So auch das
Bild der Frau in der islamischen Welt. Ich lebe in einer dörflichen Gegend
von Istanbul, in der alle Frauen ein Kopftuch tragen und in die Moscheen
gehen, um zu beten. Die meisten Familien stammen aus der Schwarzmeerküste
und die Frauen verdienen sich in der Landwirtschaft ihr eigenes Geld. Sie
sind starke Persönlichkeiten und sehr selbstbewusst. Die meisten werden von
ihren Männern sehr geliebt und haben im "Haus die Hosen" an. Um das
Zusammenleben zu erleichtern, passen ich mich weitgehend ihren Lebensformen
an, d.h. die Kleidung ist nicht zu freizügig und Männerbesuch nur am Tage
erlaubt. Im Gegenzug werde ich in die Gemeinschaft integriert und erhalte
alle Hilfestellung, die ein Fremder braucht, um in einem Land wie der Türkei
zu leben. Die Musliminnen haben mir sehr viel Freude geschenkt und die
meiste Zeit haben wir uns sehr gut unterhalten und vor allem sehr viel
gelacht. Ihre Ehemänner laden mich oft in ein Cafe, um sich mit der blonden
Deutschen zu unterhalten und ihre Meinung zu erfragen. Es ist ganz
selbstverständlich, dass ich mein Haar dabei offen trage und meinem Beruf
als Journalistin nachgehe. Ich wurde in keinster Art und Weise in meiner
Lebensart eingeschränkt, im Gegenteil. "La Ikraha fi-din", heißt es im
Koran. Kein Zwang in der Religion. Man hat mir als Frau aus dem Westen sehr
viel Anteilnahme, sehr viel Liebe und sehr viel Hilfeleistung geschenkt.
Toleranz und Freizügigkeit des Herzen waren an der Tagesordnung und wer
weiß, vielleicht können wir Deutschen ja noch etwas in diesem Punkt von den
Muslimen in der Türkei lernen.
Das Schamgefühl im Islam ist ganz gewiss ein
diametraler Gegensatz zu der Lebensart des Westens. Ich bin im westlichen
Sinne erzogen worden und lebe meine Freiheiten, wie ich sie aus unserem
System heraus erfahren und kennen gelernt habe und muss mich deswegen vor
keinem anderen als Gott alleine rechtfertigen. Der Islam hingegen als
Religion legt dem Menschen ein feines Gebot auf und heißt ihn in allen
wesentlichen Teilen seines Lebens zu bedecken. Das betrifft nicht nur die
Kleidung der Frauen sondern vor allem auch das Denken und Fühlen des
Menschen. Zu Schweigen, wenn Worte verletzen, zu heilen, wenn Wunden offen
liegen und zu Warten, wenn die Zeit noch nicht herangereift ist. Scham hat
auch etwas mit der Reinheit des Herzens zu tun, und ich denke wir Menschen
aus dem Westen müssen den tieferen Sinn der Verschleierung und der
Verhüllung verstehen lernen, bevor wir uns über das Frauenbild im Islam
ereifern. Wir müssen uns einfach auch vorstellen können, dass eine Frau im "Tschador"
ein erfülltes Leben haben kann und sich ihren Stolz und ihre Würde bewahrt.
Verletzend und entwürdigend kann auch unsere Einstellung zu ihrer
Lebensweise und zu ihrer Persönlichkeit sein, wenn man durch allzu harsche
Kritik und unachtsame Worte, "das Gewand ihrer Seele zu Boden reißt." Eine
solche Vorgehensweise steht uns nicht zu und viele Musliminen in der
islamischen Welt arbeiten mit internationalen Frauenverbänden zusammen, um
ihre Rechte in der Gesellschaft zu wahren und notwendige Veränderungen im
Zusammenleben mit anderen Menschen, auch dem eigenen Ehemann, einzuleiten.
Sie tun das aber ganz bewusst als Frauen, die die Gebote ihrer Religion
wahren und die Lebensweise ihres Volkes respektieren, nicht als Marionette
des westlich geprägten Menschenbildes oder als bemitleidenswertes Opfer des
"Tante Emma Ladens." Zuallererst müssen wir in Europa diese innere
Einstellung zu ihrem Leben respektieren und aufhören ihre Denkens- und
Fühlensweise zu domestizieren. Ich denke, dass sich dann auch ein
wunderbarer Dialog zwischen christlichen und muslimischen Frauen
praktizieren lassen kann; ein Tete a Tete des Weiblichen. Ich für meinen
Teil kann nur sagen, das Musliminnen uns lehren, die Frau in uns wieder
wahrzunehmen und die vielfältigen Regungen des Herzens zu akzeptieren. Wird
nicht allzu oft das Frausein an sich in der westlich aufgeklärten Welt
verkannt und der innerste Kern ihrer Persönlichkeit in den hoch entwickelten
Industrienationen entweiht und zerstört? Die Frage beschränkt sich nicht nur
auf das Wort Scham und Verschleierung, sie betrifft das gesamte weibliche
Geschlecht. Wurde es in seiner Bestimmung vor Gott erkannt, und besaß es das
Recht seiner inneren Veranlagung entsprechend leben zu dürfen? Der Koran gab
eine Anleitung dazu, und ich frage mich manchmal wo ist das Pendant dazu in
der der westlich geprägten Welt?
Meine Art das Thema "Schamgefühl" und
"Verschleierung" in der islamischen Welt zu erörtern heißt nicht, dass ich
die Entrechtung der Frau und die Behinderung der Entwicklung ihrer freien
Persönlichkeit, wie sie zeitweise in islamisch geprägten Staaten
stattfindet, als richtig empfinde, doch es gilt in allen Fällen nicht zu
verallgemeinern, in der Beurteilung der Dinge das Maß zu bewahren und jeden
einzelnen Tatbestand neu für sich zu untersuchen und zu bewerten.
MM: In Ihrer Biographie heißt es, dass Sie
und Ihr ehemaliger algerischer Ehemann sich getrennt haben, weil sie die
islamische Welt erkunden wollten. Ohne ihre Privatsphäre anzutasten: Was
bedeutet es, dass man sich von einem Muslim trennt, um die islamische Welt
zu erkunden?
Arbaoui: Mein Mann war begeistert von
Deutschland und hatte sich entschieden dort zu leben. Ich wusste aber,
dass ich nach Beenden des Studiums in die Welt des Islams reisen und
die Menschen und Kulturen dort kennen lernen wollte. Mohammad war
froh, sich ein eigenes Leben in Deutschland aufgebaut zu haben und
wollte im Gegensatz zu mir nicht wieder alles liegen und stehen
lassen, um von Vorne anzufangen. Wir haben bis heute einen guten Draht
zueinander und trafen uns im Frühjahr 2003 in Algerien wieder. Er
arbeitet für das deutsche und ich für das schweizer Fernsehen dort,
als deutsche, österreichische und schweizer Touristen in der Sahara
von islamistisch-separatistischen Truppen entführt wurden. Aber auch
nach Algerien wollte er nicht mehr zurückkehren. Ich wäre gerne in
diesem wunderschönen nordafrikanischen Land hängen geblieben, das
Albert Camus so wunderbar in seinem Buch , "Rueckkehr nach Tipassa"
beschrieben hat.
MM: Und was haben Sie in der islamischen
Welt auf Ihrem Weg zu Gott gefunden?
Arbaoui: Das lässt sich wohl nicht
beschreiben, da alle Erfahrungen, die der Mensch mit Gott gemacht hat,
mit einfachen Worten nicht zu erklären sind. Ich weiß nur, dass diese
Art der Erhöhung des Herzens und der Berührung mit einem übernatürlich
schönem Licht mir nirgendwo mehr begegnet ist und mir wohl auch
nirgendwo mehr begegnen wird, als in der Welt des Islams. Keine Macht
der Welt vermag mir mehr diese Liebe aus dem Herzen zu reißen, sie
wird mich begleiten bis an das Ende meiner Tage, bis hinüber in eine
andere Welt. Mein Studium des Islams hat wohl sehr viel zu diesen
Empfindungen beigetragen, die Gedichte und die Poesie des Islams,
seine wunderbaren Geschichten und vor allem die geheimnisvolle Welt
seiner Mystiker. Auch als Christ vermag man Gott im Kennenlernen einer
anderen Religion und Kultur neu erfahren und möglicherweise eine neue
Seite des Glaubens entdecken. In dem Sinne ist ihre Frage sehr schön
angelegt. Den Islam habe ich nie als Gegenteil zu meiner Lebenskultur
und Denkensart empfunden sondern als Bereicherung.
MM: Durch ihr persönliches Leben in der
Türkei bekommen sie hautnah mit, was die Menschen hinsichtlich bestimmter
Behandlungen fühlen, sei es beim angestrebten EU-Beitritt der Türkei oder
den ständigen oberlehrerhaften "Aufforderungen" durch EU-Politiker. Wie
können Sie dem "westlichen" Menschen erläutern, dass so manche Demütigung
dem "Orientalen" mehr weh tut, als physische Gewalt?
Arbaoui: Ich bekomme eine Gänsehaut bei
dieser Frage, da sie ganz genau auf den Inhalt meines Buches zielt.
Das Problem ist, dass ich weder eine öffentliche Institution noch eine
Medienanstalt kenne, die anders denkenden Menschen wie mir eine
Plattform bietet. Alle Diskussionen den Islam betreffend werden von
den Menschen geführt, die entweder ein und dieselbe Meinung teilen
oder Teilnehmer aus der islamischen Welt werden geladen, die nicht
widersprechen und dem allgemeinen Trend entsprechen. In dem Sinne
stehe ich vor geschlossenen Türen und muss nach alternativen Wegen
suchen, wie zum Beispiel der Veröffentlichung meines Buches als e-Book
Version.
MM: Fühlen Sie sich selbst als Mittlerin
zwischen den Kulturen und Religionen?
Arbaoui: Ich glaube, ich hätte diese
Arbeit sehr gut leisten können. Leider gibt es zuwenig öffentliche
fest gefügte Anstalten, die einen permanenten gedanklichen Austausch
zwischen den Kulturen und Religionen vorantreiben. Die ganze
Diskussion bewegt sich eigentlich immer nur in einem sehr schmalen
Rahmen. Tagespolitisches aktuelles Geschehen, ganztägige oder
einwöchige Seminare, Besuche der Politiker auf internationaler Ebene
und dann ändert sich schon wieder das gesamte Programm, der
Schwerpunkt wird auf einen anderen Inhalt hin verlegt. Auf dieser
Ebene lässt sich langfristig gesehen keine bedeutende Entwicklung
einleiten oder ein fruchtbares Ergebnis absehen. Alle gut gemeinten
Ansätze lösen sich im nächsten Moment schon wieder auf und die ganze
Arbeit beginnt beim nächsten Zusammentreffen von Intellektuellen,
Vertretern der Religionen und Beauftragten der Regierung wieder von
vorne. Ein Phänomen unserer Zeit, in der jegwelches Bemühen um ein
gegenseitiges Verstehen und der Abbau von Vorurteilen in den
Kinderschuhen stecken bleibt, da keine Idee wirklich ausreift und
keine Handlung konsequent zu ihrem Ende geführt wird. Indem Sinne
fühle ich mich nicht als Mittlerin zwischen den Kulturen und
Religionen sondern nur als Beobachterin zwischen allen Stühlen.
MM: Sie zeigen in Ihrem Leben eine Zuneigung
zur islamischen Mystik. Worin liegt das begründet?
Arbaoui: Vor vielen Jahren organisierte
unsere Türkischlehrerin an der Universität Heidelberg eine Studentenreise in
die Türkei. Ich hatte mir Konya als Zielort ausgesucht und wollte über das
Leben von Dschelaleddin Rumi, kurz genannt Maulana, ein Referat halten. Als
Grundlage diente mir das Werk der deutschen Buchpreisträgerin und
Orientalistin Frau Prof. Annemarie Schimmel, "Du bist Wind und ich bin
Feuer". Die Art und Weise wie der Mystiker aus dem 13. Jahrhundert von Gott
berührt wurde und letzten Endes in ihm entward, gehört zu den schönsten
Dokumenten der Menschheitsgeschichte. Ich stand am Grabe des großen
Gelehrten, Dichters und Denkers und war beseelt von dem Gedanken an seine
Gegenwart. Nach dem Beenden meines Studiums arbeitete ich im Jahre 2000 für
den türkischen Fernsehsender Kanal 7 in Frankfurt als Reporterin und hatte
das Glück, die inzwischen verstorbene Frau Schimmel persönlich kennen zu
lernen und zu interviewen. Es schien als hätte sich ein Kreis in meinem
Leben für immer geschlossen, den ich mir in dieser Form nicht zu erhoffen
gewagt hätte. Die islamische Mystik ist getragen von einer großen Liebe
Gottes zu dem Menschen, ruht auf den Grundlagen einer alles Leben
allumfassenden Barmherzigkeit und wird durchleuchtet von den Erkenntnissen
des Ewigen. Sie führt die menschliche Seele so nahe heran an die Gegenwart
Gottes, wie wohl keine andere Institution auf Erden. Die Erfahrung mit ihren
großartigen Werken hat mich wohl bis heute davor bewahrt, den Sinn des
Lebens völlig zu verkennen und das eigene Dasein von Grund auf zu verneinen.
Leider ist der Mensch des 21. Jahrhunderts zu sehr gefangen in einer von ihm
geschaffenen künstlichen Welt, die ihn Tag für Tag immer mehr entfernt von
allem Wahren und Wesentlichen. Der Vereinigung der menschlichen Seele mit
Gott und dem Entwerden seiner Selbst im nimmer enden wollenden Herrlichen.
Die islamische Mystik speiste von der Quelle, wir hingegen suchen Trost und
Ersatz in Brunnen, durch das das Wasser nur spärlich fließt und
herbeigeführt werden muss aus tausend Meter Entfernung mit Hilfe von Rohren
und Leitungen, die zum Teil verkrustet sind und für den Gebrauch schon zu
alt. Kein Wunder, dass diese Art von Gotteslehre das menschliche Herz nicht
mehr erfreut und seine Seele auch nicht mehr erhebt zu dem im Himmel
thronenden allewigen Altar.
MM: Was sind Ihre nächsten Projekte?
Arbaoui: Ich versuche einen eigenen
Bauernhof aufzubauen, den ich zu einem kulturellem Zentrum
umfunktionieren kann. Ich möchte dort den Besuchern wiederum die Nähe
des Menschen zu der Natur zu vermitteln, Künstlern eine Plattform
bieten und vor allem alternative Lern- und Lehrmethoden einführen. Das
wäre auch der Rahmen indem sich Muslime und Christen treffen und
austauschen könnten. Bedingung wäre, den Anderen immer ausreden zu
lassen, ihn nicht in seinem inneren Frieden zu stören und vor allem
die Bereitschaft mitzubringen, etwas voneinander lernen zu können. Um
miteinander zu reden und sich gedanklich auszutauschen, muss zuvor die
richtige Atmosphäre dafür geschaffen werden. Dazu gehört ruhiges und
bedachtes Reden, richtiges Atmen und seelisches Entspannen. Die ganze
Diskussion um den Islam wird meiner Meinung nach derzeit viel zu
hektisch geführt und innere Spannungen zu einem monströsen Monument
aufgebaut. Dahinter verbirgt sich eine diffuse und verschwommene
Angst, die einmal abgebaut zum Vorschein bringt, dass nicht Ibn Laden
oder Saddam Hussein das eigentliche Problem sind sondern der inwendige
Mensch, der sein eigentliches Problem verkennt. Den Werteverlust in
der Gesellschaft, die Orientierungslosigkeit unserer Zeit, das Fehlen
von sozialen familiären Bindungen, die fehlende Anerkennung am
Arbeitsplatz und die latente Bedrohung durch die permanent
voranschreitende Umweltzerstörung. Angst regiert diese Welt und
gemiefte Politiker und großartig angelegte Firmenkartelle profitieren
hemmungslos davon. Anstatt für Frieden und Freude unter den Menschen
auf Erden zu sorgen, werden verschiedene Gruppen und deren
Überzeugungen gegeneinander aufgehetzt und eine künstlich erzeugte
Zielscheibe des Aggressionsabbaues ist der Islam. Meine Institution
würde dazu führen, diesen Zustand Schritt für Schritt wieder
abzubauen. Wenn sich dafür ein Sponsor und vor allen ein idealistisch
veranlagter Partner finden kann. Alleine und aus eigenen Mitteln
heraus schaffe ich das leider nicht.
MM: Frau Arbaoui, wir danken für das
Interview.