Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Cornelia Arbaoui
 

Muslim-Markt interviewt 
Cornelia Arbaoui - Autorin des Buches "Das Tor zur Ewigkeit"

8.1.2006

Cornelia Arbaoui (Jahrgang 1965) ist in Mainz geboren. An der Universität Heidelberg studierte sie politische und islamische Wissenschaft und schrieb ihre Magisterarbeit 1994 über Migrationsfragen.

Seit 1996 arbeitet sie freiberuflich als TV-Journalistin in Istanbul für deutschsprachigen Sender wie den MDR, RTL, SAT1, PRO 7 (Deutschland), den ORF (Österreich) und den SRG (Schweiz). Zudem ist sie freiberufliche Mitarbeiterin bei Kinoproduktionen und als Schauspielerin tätig.

An der Schwarzmeerküste von Istanbul auf der anatolischen Seite gelegen bietet sie auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Şile Interessenten an, in der reizvollen Umgebung zu meditieren und zu reiten. In 2006 veröffentlichte sie ihren Roman "Das Tor zur Ewigkeit" als e-Buch.

Frau Arbaoui war zehn Jahre lang mit einem Algerier in Deutschland verheiratet und ließ sich dann scheiden, um in die islamische Welt zu gehen und die Länder ihrer Studien persönlich kennen zu lernen. Den Nachnamen ihres Mannes hat sie aber trotzdem aus Freundschaft und Liebe für das Land Algerien behalten, in dem sie zeitweise für den SRG als TV-Journalistin tätig war. Die Freundschaft zu ihrem ehemaligen Ehemann blieb bis auf den heutigen Tag erhalten. Frau Arbaoui lebt heute in in Istanbul.

MM: Sehr geehrte Frau Arbaoui. Warum leben sie so gerne in der Türkei?

Arbaoui: Istanbul, wo ich derzeit lebe, ist eine aufregende und wunderbare Stadt, in der sich die Tradition mit der Moderne aufs sinnvollste vereint und viele Völker und Kulturen auf friedlichste miteinander zusammenleben können. Zudem ist das Land derart interessant an Kultur, Geschichte, an religiösen Strömungen und an landschaftlichen Gegebenheiten, dass ein Leben nicht ausreicht, um alle diese faszinierenden Eindrücke in sich aufzunehmen und die Lebensart der Menschen wirklich kennen zu lernen. Die Türken sind gastfreundschaftlich, herzlich, hilfsbereit und humorvoll, dass macht den Lebensalltag leicht, trotz alltäglich auftretender Sorgen wie das liebe Geldverdienen und für das eigene Heim zu sorgen. Zudem ist die Türkei als Mittel- und Knotenpunkt zwischen dem Orient und dem Okzident voller energiegeladener Spannungen und immer auf dem Sprung etwas Neues zu wagen und die Zukunft neu zu gestalten. Ich bewundere den Lebensmut, die Risikobereitschaft und den Ideenreichtum des Volkes, den Schwung mit dem es zu leben und zu lieben wagt. Ich bin selbst sehr schwärmerisch veranlagt und lass mich gerne mitreißen, sei es Torheit oder Weisheit, nur eines vermag ich nicht zu ertragen, auf einer Stelle stehen zu bleiben und ständig auf dem selben Punkt zu verweilen. Ich denke, das die türkische und meine Seele sich an diesem Punkt ganz gut verstehen und manchmal auch vereinen. Lachen und Weinen, Jauchzen und zu Tode betrübt sein, alles ist in diesem Land im Fluss der natürlichen menschlichen Gefühle geblieben und so vermag ich von Herzen sagen, dass die Türkei mir sehr viel geschenkt hat und ich Gott dafür nur danken kann. Ich habe wirklich gelebt und geliebt!

MM: Ihr erster Roman "Das Tor zur Ewigkeit" handelt vereinfacht dargestellt vom "Kampf der Kulturen" allerdings weniger auf globaler Ebene als auf persönlicher Ebene. Ist es auch eine Art Autobiographie? Warum bewegt Sie das Thema so sehr?

Arbaoui: Als ich vor etwa 10 Jahren das erste Mal in Istanbul war, kam das Buch, "Das Tor zur Ewigkeit" wie eine Eingebung über mich. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht erahnen, dass ich viele Dinge, die ich dann geschrieben habe, sich auch wirklich so in meinem Leben entwickelten und ereigneten. Ich schrieb von Krieg und der Invasion der reichen Industrienationen in der islamischen Welt, als Afghanistan und der Irak noch keine Themen in den Medien waren. Ich schrieb von dem modernem Kreuzrittertum und der verpassten Chance, zwei Weltbilder und zwei Weltreligionen auf das friedlichste miteinander zu vereinen, als es noch keinen 11. September und die darauf folgenden Spannungen zwischen der "westlichen" und der "östlichen" Hemisphäre gab. Ich versuchte in der Person der Camille, nicht nur das reine und liebenswerte Geschöpf einer dem Islam zugeneigten und von der Religion des Propheten Mohammad beeindruckten Frau zu beschreiben sondern auch ihrer Traurigkeit Ausdruck zu verleihen. Den zur Stummheit verurteilten Mund, der weder in Deutschland noch in Europa auf die andere Seite des Islams aufmerksam machen kann, seiner facettenreichen Kultur, seiner mystischen Versunkenheit, seiner von tiefen Werten geprägten Lebensart und seiner Liebe zu der Natur, zu den Menschen und zu Gott.
Ich konnte dann später als TV Journalistin erleben, dass sich der Sachverhalt dann auch so vielfach in den Medien widerspiegelte. Um trotzdem nicht den Mut zu verlieren und wie die Protagonistin des Romans an der inneren Einsamkeit und Verzweiflung zu sterben, habe ich versucht, mir ein zweites Standbein in der Türkei aufzubauen. Ein Leben mit meinen beiden Pferden in der Natur und die Hinwendung zur Ruhe und zur Besinnlichkeit, um die Freude und das Interesse am eigenen Leben nicht zu verlieren. Ich habe den Roman erst nach acht Jahren veröffentlicht, nachdem ich wirklich Seite für Seite nochmals gelesen und geprüft habe, ob sich der Inhalt des Werkes auch wirklich mit meinen innersten Überzeugungen vereint und mir als richtig erscheint. Er gibt mir das eine gute Gefühl, dass ich als Zeitzeuge nicht alle politischen Strömungen als richtig und gut befunden habe und in vielen Dingen Abstand nehme zu der Politik wie sie derzeit in den reichen Industrienationen und in den Vereinten Amerikanischen Staaten betrieben wird. Wer weiß, vielleicht treibt mich mein nächster Roman ja nach Afghanistan. Ich würde gerne eine Geschichte über eine intellektuelle Frau schreiben, die von allen Seiten zerrieben wird und sich am Ende fragt, was hat ihr den der so genannte Befreiungskampf von Seiten der USA gegen die Taliban gebracht und muss sie wirklich dankbar sein für eine Hilfeleistung, um die sie im Grunde genommen nicht gebeten hat? Zumindest nicht auf diese Art!

MM: Unabhängig von den sehr unterschiedlichen Strömungen unter Muslimen von den Taliban - Gott behüte uns davor - bis zu den Mystikern ist doch sowohl das Frauenbild als auch das allgemeine Schamgefühl im Islam und in der islamischen Familie anders als in der westlichen Welt. Wie kommen Sie damit zurecht?

Arbaoui: Ich denke, man muss in allen Ländern der islamischen Welt unterscheiden zwischen den Geboten der Religion und traditionellen Überlieferungen. In der Türkei werden bis heute Frauen getötet, wenn es den Anschein hat, dass die Ehre der Familie verletzt haben. Meistens spielen sich solche Szenen in ländlichen Gebieten ab oder bei Familien deren schulische Ausbildung mangelhaft ist. Leider wird in den westlichen Medien ein solches Vorgehen dann oft mit dem Islam gleichgesetzt, und ich denke, dass es wichtig ist, dass islamische Gelehrte auf der ganzen Welt sich von einer solchen Vorgehensweise distanzieren und ihren Worten Gehör geschenkt wird.

Ich denke, dass Frauen in der islamischen Welt immer eine bedeutende Rolle gespielt haben und man deren Leben und Ansichten zu wenig Aufmerksamkeit in der westlichen Welt schenkt. Ich habe eine Prüfung an der Universität Heidelberg abgelegt, die die Korrespondenz zwischen dem libanesischen Schriftsteller Khalil Gibran und der ägyptischen Gelehrten May Zia zum Gegenstand hatte. Das Leben dieser ungewöhnlichen Frau hat leider in der westlichen Literatur keinen Einschlag gefunden und ihre auf arabisch geschriebenen Werke wurden nicht übersetzt. In dem Sinne glaube ich, dass es noch viel zu berichten gibt über Frauen in der islamischen Welt, deren Leben und Handeln vorbildhaft ist. Sie haben in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit einen eigenen unabhängigen Beitrag geleistet.

Wir neigen im Westen zu sehr zu einem kritischen Weltbild, das zum Einen herabwürdigt, was den eigenen Wert- und Glaubensvorstellungen nicht entspricht und in den meisten Fällen die Person eines Menschen auf seine Fehler und Schwächen hin reduziert. So auch das Bild der Frau in der islamischen Welt. Ich lebe in einer dörflichen Gegend von Istanbul, in der alle Frauen ein Kopftuch tragen und in die Moscheen gehen, um zu beten. Die meisten Familien stammen aus der Schwarzmeerküste und die Frauen verdienen sich in der Landwirtschaft ihr eigenes Geld. Sie sind starke Persönlichkeiten und sehr selbstbewusst. Die meisten werden von ihren Männern sehr geliebt und haben im "Haus die Hosen" an. Um das Zusammenleben zu erleichtern, passen ich mich weitgehend ihren Lebensformen an, d.h. die Kleidung ist nicht zu freizügig und Männerbesuch nur am Tage erlaubt. Im Gegenzug werde ich in die Gemeinschaft integriert und erhalte alle Hilfestellung, die ein Fremder braucht, um in einem Land wie der Türkei zu leben. Die Musliminnen haben mir sehr viel Freude geschenkt und die meiste Zeit haben wir uns sehr gut unterhalten und vor allem sehr viel gelacht. Ihre Ehemänner laden mich oft in ein Cafe, um sich mit der blonden Deutschen zu unterhalten und ihre Meinung zu erfragen. Es ist ganz selbstverständlich, dass ich mein Haar dabei offen trage und meinem Beruf als Journalistin nachgehe. Ich wurde in keinster Art und Weise in meiner Lebensart eingeschränkt, im Gegenteil. "La Ikraha fi-din", heißt es im Koran. Kein Zwang in der Religion. Man hat mir als Frau aus dem Westen sehr viel Anteilnahme, sehr viel Liebe und sehr viel Hilfeleistung geschenkt. Toleranz und Freizügigkeit des Herzen waren an der Tagesordnung und wer weiß, vielleicht können wir Deutschen ja noch etwas in diesem Punkt von den Muslimen in der Türkei lernen.

Das Schamgefühl im Islam ist ganz gewiss ein diametraler Gegensatz zu der Lebensart des Westens. Ich bin im westlichen Sinne erzogen worden und lebe meine Freiheiten, wie ich sie aus unserem System heraus erfahren und kennen gelernt habe und muss mich deswegen vor keinem anderen als Gott alleine rechtfertigen. Der Islam hingegen als Religion legt dem Menschen ein feines Gebot auf und heißt ihn in allen wesentlichen Teilen seines Lebens zu bedecken. Das betrifft nicht nur die Kleidung der Frauen sondern vor allem auch das Denken und Fühlen des Menschen. Zu Schweigen, wenn Worte verletzen, zu heilen, wenn Wunden offen liegen und zu Warten, wenn die Zeit noch nicht herangereift ist. Scham hat auch etwas mit der Reinheit des Herzens zu tun, und ich denke wir Menschen aus dem Westen müssen den tieferen Sinn der Verschleierung und der Verhüllung verstehen lernen, bevor wir uns über das Frauenbild im Islam ereifern. Wir müssen uns einfach auch vorstellen können, dass eine Frau im "Tschador" ein erfülltes Leben haben kann und sich ihren Stolz und ihre Würde bewahrt. Verletzend und entwürdigend kann auch unsere Einstellung zu ihrer Lebensweise und zu ihrer Persönlichkeit sein, wenn man durch allzu harsche Kritik und unachtsame Worte, "das Gewand ihrer Seele zu Boden reißt." Eine solche Vorgehensweise steht uns nicht zu und viele Musliminen in der islamischen Welt arbeiten mit internationalen Frauenverbänden zusammen, um ihre Rechte in der Gesellschaft zu wahren und notwendige Veränderungen im Zusammenleben mit anderen Menschen, auch dem eigenen Ehemann, einzuleiten. Sie tun das aber ganz bewusst als Frauen, die die Gebote ihrer Religion wahren und die Lebensweise ihres Volkes respektieren, nicht als Marionette des westlich geprägten Menschenbildes oder als bemitleidenswertes Opfer des "Tante Emma Ladens." Zuallererst müssen wir in Europa diese innere Einstellung zu ihrem Leben respektieren und aufhören ihre Denkens- und Fühlensweise zu domestizieren. Ich denke, dass sich dann auch ein wunderbarer Dialog zwischen christlichen und muslimischen Frauen praktizieren lassen kann; ein Tete a Tete des Weiblichen. Ich für meinen Teil kann nur sagen, das Musliminnen uns lehren, die Frau in uns wieder wahrzunehmen und die vielfältigen Regungen des Herzens zu akzeptieren. Wird nicht allzu oft das Frausein an sich in der westlich aufgeklärten Welt verkannt und der innerste Kern ihrer Persönlichkeit in den hoch entwickelten Industrienationen entweiht und zerstört? Die Frage beschränkt sich nicht nur auf das Wort Scham und Verschleierung, sie betrifft das gesamte weibliche Geschlecht. Wurde es in seiner Bestimmung vor Gott erkannt, und besaß es das Recht seiner inneren Veranlagung entsprechend leben zu dürfen? Der Koran gab eine Anleitung dazu, und ich frage mich manchmal wo ist das Pendant dazu in der der westlich geprägten Welt?

Meine Art das Thema "Schamgefühl" und "Verschleierung" in der islamischen Welt zu erörtern heißt nicht, dass ich die Entrechtung der Frau und die Behinderung der Entwicklung ihrer freien Persönlichkeit, wie sie zeitweise in islamisch geprägten Staaten stattfindet, als richtig empfinde, doch es gilt in allen Fällen nicht zu verallgemeinern, in der Beurteilung der Dinge das Maß zu bewahren und jeden einzelnen Tatbestand neu für sich zu untersuchen und zu bewerten.

MM: In Ihrer Biographie heißt es, dass Sie und Ihr ehemaliger algerischer Ehemann sich getrennt haben, weil sie die islamische Welt erkunden wollten. Ohne ihre Privatsphäre anzutasten: Was bedeutet es, dass man sich von einem Muslim trennt, um die islamische Welt zu erkunden?

Arbaoui: Mein Mann war begeistert von Deutschland und hatte sich entschieden dort zu leben. Ich wusste aber, dass ich nach Beenden des Studiums in die Welt des Islams reisen und die Menschen und Kulturen dort kennen lernen wollte. Mohammad war froh, sich ein eigenes Leben in Deutschland aufgebaut zu haben und wollte im Gegensatz zu mir nicht wieder alles liegen und stehen lassen, um von Vorne anzufangen. Wir haben bis heute einen guten Draht zueinander und trafen uns im Frühjahr 2003 in Algerien wieder. Er arbeitet für das deutsche und ich für das schweizer Fernsehen dort, als deutsche, österreichische und schweizer Touristen in der Sahara von islamistisch-separatistischen Truppen entführt wurden. Aber auch nach Algerien wollte er nicht mehr zurückkehren. Ich wäre gerne in diesem wunderschönen nordafrikanischen Land hängen geblieben, das Albert Camus so wunderbar in seinem Buch , "Rueckkehr nach Tipassa" beschrieben hat.

MM: Und was haben Sie in der islamischen Welt auf Ihrem Weg zu Gott gefunden?

Arbaoui: Das lässt sich wohl nicht beschreiben, da alle Erfahrungen, die der Mensch mit Gott gemacht hat, mit einfachen Worten nicht zu erklären sind. Ich weiß nur, dass diese Art der Erhöhung des Herzens und der Berührung mit einem übernatürlich schönem Licht mir nirgendwo mehr begegnet ist und mir wohl auch nirgendwo mehr begegnen wird, als in der Welt des Islams. Keine Macht der Welt vermag mir mehr diese Liebe aus dem Herzen zu reißen, sie wird mich begleiten bis an das Ende meiner Tage, bis hinüber in eine andere Welt. Mein Studium des Islams hat wohl sehr viel zu diesen Empfindungen beigetragen, die Gedichte und die Poesie des Islams, seine wunderbaren Geschichten und vor allem die geheimnisvolle Welt seiner Mystiker. Auch als Christ vermag man Gott im Kennenlernen einer anderen Religion und Kultur neu erfahren und möglicherweise eine neue Seite des Glaubens entdecken. In dem Sinne ist ihre Frage sehr schön angelegt. Den Islam habe ich nie als Gegenteil zu meiner Lebenskultur und Denkensart empfunden sondern als Bereicherung.

MM: Durch ihr persönliches Leben in der Türkei bekommen sie hautnah mit, was die Menschen hinsichtlich bestimmter Behandlungen fühlen, sei es beim angestrebten EU-Beitritt der Türkei oder den ständigen oberlehrerhaften "Aufforderungen" durch EU-Politiker. Wie können Sie dem "westlichen" Menschen erläutern, dass so manche Demütigung dem "Orientalen" mehr weh tut, als physische Gewalt?

Arbaoui: Ich bekomme eine Gänsehaut bei dieser Frage, da sie ganz genau auf den Inhalt meines Buches zielt. Das Problem ist, dass ich weder eine öffentliche Institution noch eine Medienanstalt kenne, die anders denkenden Menschen wie mir eine Plattform bietet. Alle Diskussionen den Islam betreffend werden von den Menschen geführt, die entweder ein und dieselbe Meinung teilen oder Teilnehmer aus der islamischen Welt werden geladen, die nicht widersprechen und dem allgemeinen Trend entsprechen. In dem Sinne stehe ich vor geschlossenen Türen und muss nach alternativen Wegen suchen, wie zum Beispiel der Veröffentlichung meines Buches als e-Book Version.

MM: Fühlen Sie sich selbst als Mittlerin zwischen den Kulturen und Religionen?

Arbaoui: Ich glaube, ich hätte diese Arbeit sehr gut leisten können. Leider gibt es zuwenig öffentliche fest gefügte Anstalten, die einen permanenten gedanklichen Austausch zwischen den Kulturen und Religionen vorantreiben. Die ganze Diskussion bewegt sich eigentlich immer nur in einem sehr schmalen Rahmen. Tagespolitisches aktuelles Geschehen, ganztägige oder einwöchige Seminare, Besuche der Politiker auf internationaler Ebene und dann ändert sich schon wieder das gesamte Programm, der Schwerpunkt wird auf einen anderen Inhalt hin verlegt. Auf dieser Ebene lässt sich langfristig gesehen keine bedeutende Entwicklung einleiten oder ein fruchtbares Ergebnis absehen. Alle gut gemeinten Ansätze lösen sich im nächsten Moment schon wieder auf und die ganze Arbeit beginnt beim nächsten Zusammentreffen von Intellektuellen, Vertretern der Religionen und Beauftragten der Regierung wieder von vorne. Ein Phänomen unserer Zeit, in der jegwelches Bemühen um ein gegenseitiges Verstehen und der Abbau von Vorurteilen in den Kinderschuhen stecken bleibt, da keine Idee wirklich ausreift und keine Handlung konsequent zu ihrem Ende geführt wird. Indem Sinne fühle ich mich nicht als Mittlerin zwischen den Kulturen und Religionen sondern nur als Beobachterin zwischen allen Stühlen.

MM: Sie zeigen in Ihrem Leben eine Zuneigung zur islamischen Mystik. Worin liegt das begründet?

Arbaoui: Vor vielen Jahren organisierte unsere Türkischlehrerin an der Universität Heidelberg eine Studentenreise in die Türkei. Ich hatte mir Konya als Zielort ausgesucht und wollte über das Leben von Dschelaleddin Rumi, kurz genannt Maulana, ein Referat halten. Als Grundlage diente mir das Werk der deutschen Buchpreisträgerin und Orientalistin Frau Prof. Annemarie Schimmel, "Du bist Wind und ich bin Feuer". Die Art und Weise wie der Mystiker aus dem 13. Jahrhundert von Gott berührt wurde und letzten Endes in ihm entward, gehört zu den schönsten Dokumenten der Menschheitsgeschichte. Ich stand am Grabe des großen Gelehrten, Dichters und Denkers und war beseelt von dem Gedanken an seine Gegenwart. Nach dem Beenden meines Studiums arbeitete ich im Jahre 2000 für den türkischen Fernsehsender Kanal 7 in Frankfurt als Reporterin und hatte das Glück, die inzwischen verstorbene Frau Schimmel persönlich kennen zu lernen und zu interviewen. Es schien als hätte sich ein Kreis in meinem Leben für immer geschlossen, den ich mir in dieser Form nicht zu erhoffen gewagt hätte. Die islamische Mystik ist getragen von einer großen Liebe Gottes zu dem Menschen, ruht auf den Grundlagen einer alles Leben allumfassenden Barmherzigkeit und wird durchleuchtet von den Erkenntnissen des Ewigen. Sie führt die menschliche Seele so nahe heran an die Gegenwart Gottes, wie wohl keine andere Institution auf Erden. Die Erfahrung mit ihren großartigen Werken hat mich wohl bis heute davor bewahrt, den Sinn des Lebens völlig zu verkennen und das eigene Dasein von Grund auf zu verneinen. Leider ist der Mensch des 21. Jahrhunderts zu sehr gefangen in einer von ihm geschaffenen künstlichen Welt, die ihn Tag für Tag immer mehr entfernt von allem Wahren und Wesentlichen. Der Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott und dem Entwerden seiner Selbst im nimmer enden wollenden Herrlichen. Die islamische Mystik speiste von der Quelle, wir hingegen suchen Trost und Ersatz in Brunnen, durch das das Wasser nur spärlich fließt und herbeigeführt werden muss aus tausend Meter Entfernung mit Hilfe von Rohren und Leitungen, die zum Teil verkrustet sind und für den Gebrauch schon zu alt. Kein Wunder, dass diese Art von Gotteslehre das menschliche Herz nicht mehr erfreut und seine Seele auch nicht mehr erhebt zu dem im Himmel thronenden allewigen Altar.

MM: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Arbaoui: Ich versuche einen eigenen Bauernhof aufzubauen, den ich zu einem kulturellem Zentrum umfunktionieren kann. Ich möchte dort den Besuchern wiederum die Nähe des Menschen zu der Natur zu vermitteln, Künstlern eine Plattform bieten und vor allem alternative Lern- und Lehrmethoden einführen. Das wäre auch der Rahmen indem sich Muslime und Christen treffen und austauschen könnten. Bedingung wäre, den Anderen immer ausreden zu lassen, ihn nicht in seinem inneren Frieden zu stören und vor allem die Bereitschaft mitzubringen, etwas voneinander lernen zu können. Um miteinander zu reden und sich gedanklich auszutauschen, muss zuvor die richtige Atmosphäre dafür geschaffen werden. Dazu gehört ruhiges und bedachtes Reden, richtiges Atmen und seelisches Entspannen. Die ganze Diskussion um den Islam wird meiner Meinung nach derzeit viel zu hektisch geführt und innere Spannungen zu einem monströsen Monument aufgebaut. Dahinter verbirgt sich eine diffuse und verschwommene Angst, die einmal abgebaut zum Vorschein bringt, dass nicht Ibn Laden oder Saddam Hussein das eigentliche Problem sind sondern der inwendige Mensch, der sein eigentliches Problem verkennt. Den Werteverlust in der Gesellschaft, die Orientierungslosigkeit unserer Zeit, das Fehlen von sozialen familiären Bindungen, die fehlende Anerkennung am Arbeitsplatz und die latente Bedrohung durch die permanent voranschreitende Umweltzerstörung. Angst regiert diese Welt und gemiefte Politiker und großartig angelegte Firmenkartelle profitieren hemmungslos davon. Anstatt für Frieden und Freude unter den Menschen auf Erden zu sorgen, werden verschiedene Gruppen und deren Überzeugungen gegeneinander aufgehetzt und eine künstlich erzeugte Zielscheibe des Aggressionsabbaues ist der Islam. Meine Institution würde dazu führen, diesen Zustand Schritt für Schritt wieder abzubauen. Wenn sich dafür ein Sponsor und vor allen ein idealistisch veranlagter Partner finden kann. Alleine und aus eigenen Mitteln heraus schaffe ich das leider nicht.

MM: Frau Arbaoui, wir danken für das Interview.

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