Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Kathleen Göpel
 

Muslim-Markt interviewt 
Kathleen Göpel - Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin

10.6.2007

Kathleen Göpel hat nach ihrem Abitur Germanistik, Orientalistik, Turkologie, Kunstwissenschaft und Psychologie studiert. Aus einem kurzen Studienaufenthalt Anfang der 70er Jahre in der Türkei wurde fast ein Jahr, in dem sie anfing anatolische Geschichten zu sammeln. In Konya hatte sie Kontakt u.a. zu Suleyman Hayati Dede (Suleyman Loras) und Ali Sapmaz, der 50 Jahre lang Mevlevi-Sikkes hergestellt hat.

Ihr Leben ist geprägt durch zahlreiche Reisen in den Nahen Osten (Ägypten, Jordanien, Marokko, Palästina, Saudi Arabien, Syrien, Tunesien, Türkei), nach Asien (Birma, Burma, Indien, Thailand) und Südamerika (Argentinien, Mexiko). Ihre schriftstellerische Tätigkeit umfasst neben eigenen Schriften auch Übersetzungen insbesondere mystischer orientalischer Werke, die Geschäftsleitung eines Fachbuchverlages sowie Literatur-Gutachten für diverse Verlage. Zu Ihren Übersetzungen gehören Werke von Omar Chayyam, Saadi und Rumi. Auch hat sie Mullah Nasrudin, den orientalischen Eulenspiegel dem deutschsprachigen Leser bekannt gemacht.

Nach dem tragischen Tod ihres Ehemannes und Partners lebt Kathleen Göpel heute im Großraum Berlin.

MM: Sehr geehrte Frau Göpel. Woher rührt Ihre besondere Zuneigung zu den persischen Mystikern?

Göpel: Hierzulande sind die Werke der persischen Klassiker inzwischen zwar in zahlreichen Übersetzungen zugänglich; tatsächlich gelesen und studiert werden sie meist doch nur wieder von einem kleinen Fachkreis "Eingeweihter" – von Orientalisten und interessierten Laien. Leider ist der breiten Öffentlichkeit kaum etwas von diesen grandiosen Werken höchster Dichtkunst bekannt, deren Inhalte basierend auf tiefer Weisheit und großer Menschenkenntnis über die Jahrhunderte hin wirken ohne, dass sie je an Aktualität, Aussagekraft und Faszination verloren hätten. Diese Verse, die selbstverständlich u.a. auch zu mystischer Lesart einladen, ermöglichen dem modernen Leser nicht nur zeitlose Weisheit, Denkanstöße, Trost und Lebenshilfe darin zu finden, sondern auch einen Schlüssel zu tieferem Verständnis seiner selbst, seiner Mitmenschen und seiner Umwelt. Ein Beispiel ist hier das Fihi Ma Fihi von Jelaluddin Rumi, dessen Titel sich in etwa übersetzen lässt als "Es ist darinnen, was darinnen ist", will sagen: Du kannst aus diesen Versen das für Dich herausziehen, zu dem Du in der Lage bist.

MM: In wie weit ist die Faszination der Gedichte überhaupt in der Übersetzung in die deutsche Sprache übertrag- und vermittelbar?

Göpel: Die ideale Übersetzung eines Werkes umfasst sämtliche sprachlichen und inhaltlichen Ebenen des Originaltextes, und wenn sie wirklich gut ist, auch die atmosphärischen Färbungen sowie all das Ungesagte zwischen den Zeilen. Das Scheitern dieses Unterfangens ist den Muslimen am Beispiel der Unmöglichkeit einer adäquaten Übersetzung des Qur’ans wohl bekannt - dessen Bedeutungsfülle in ihrer Kompaktheit wie auch mit all den zahlreichen mitschwingenden Ebenen sich der Übersetzung in andere Sprachen im selben Maße entzieht wie jeglicher Versuch, die Schönheit, die Aussagekraft und den Rhythmus der qur’anischen Sprache wiederzugeben.

Und trotzdem verhält es sich bekanntermaßen so, dass Millionen von Muslimen auf der ganzen Welt, die des Arabischen nicht mächtig sind, großen Nutzen aus dem Studium von Qur’an-Übersetzungen - oder korrekter, Qur‘an-Übertragungen - in ihre jeweiligen Muttersprachen ziehen.

Es lässt sich hier durchaus eine Parallele zu Rumis Werken ziehen, wird ja auch in der Fachwelt sein Hauptwerk, das Mathnawi als „der Qur’an auf Pahlewi“ gerühmt. Sicher ist die Übersetzung klassischer persischer Werke eine hohe Herausforderung, der leider zahlreiche - auch namhafte - Übersetzungen in europäische Sprachen ganz und gar nicht gerecht werden, sei es, weil der Inhalt zu Gunsten von Metrik und Prosodie geopfert wurde oder weil man die Betonung lieber auf eine verkaufsträchtige stark emotional gefärbte Lesart legt. Berühmtestes Beispiel ist hier die besonders im angelsächsischen Raum Fitzgeralds „Kult gewordene“ Übersetzung der Rubaiyyat von Omar Khayaam. Hier wird ein Werk, bei dem es sich ursächlich um ein philosophisches und spirituelles Werk voll tiefer Weisheit handelt, in dem Metaphern wie ‚Wein‘ für Liebe und ‚Trunkenheit‘ für geistigen Rausch stehen, dem gutgläubigen Leser als ein Dokument hedonistischer sinnenfreudiger Leichtfertigkeit dargestellt.

Im Ringen darum, beim Übersetzen dem Inhalt des Originals gerecht zu werden, sind eben auch Entscheidungen zu treffen, wie z. B. Bilder, die im europäischen Sprachgebrauch gänzlich unbekannt und somit inhaltsleer sind oder Wortspiele mit denen im Original bestimmte Anklänge und Gedankenverbindungen hervorgerufen werden, die hierzulande nicht nachvollziehbar sind (z.B. kalb und qalb – Hund und Herz; gur und gor – wilder Esel und Grab etc.) doch auf die eine oder andere Art übertragen werden können, ob eine Annäherungen im Sinne verständlicher Äquivalente gefunden werden kann oder ob gar ganz auf ihre Wiedergabe verzichtet werden muss. Da es sich bei dem Versuch, einer Übertragung der Vierzeiler mit ihrer faszinierenden Kraft von Klang, Reim und Rhythmus in eine europäische Sprache um ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen handelt, stellt sich hier durchaus die berechtigte Frage: Was bleibt?

MM: Gut stellen wir die Frage: Was bleibt?

Göpel: Die Antwort darauf, findet sich bei Rumi. Obwohl seine Poesie ungebrochen über die Jahrhunderte hin auf die Menschen eine Wirkung ausübte, die man nur als magisch bezeichnen kann, bestand er darauf, zu betonen, dass Poesie immer nur Nebenprodukt sein könne, bloße Spiegelung einer unfassbaren inneren Wirklichkeit, die er "Liebe" nennt: "Was geht mich die Dichtkunst an? Die größte Liebe", so sagt er, "ist schweigend und lässt sich nicht in Worte fassen."

Darauf basierend, dass Rumi, der unbenommen größte persische Dichter aller Zeiten nicht müde wurde, zu betonen, wie wenig Wert er darauf lege, als „Dichter“ bezeichnet zu werden, könnte man es wagen, die im Original so überaus faszinierenden, ja rauschhaften Verse, als "Verpackung" zu bezeichnen.

Und was bei einer professionellen, seriösen und aufrichtigen Übertragung bleibt, ist der Inhalt, der Kern, die Essenz. Mit Rumis Worten:

"Sieh nicht auf mein Äußeres –
Nimm was ich in meiner Hand habe.
"

MM: In diesem Jahr werden weltweit 800 Jahre Rumi gefeiert. Was bedeutet das für Ihre Aktivitäten?

Göpel: In Zusammenarbeit mit den Kulturabteilungen verschiedener Botschaften und Museen haben wir für dieses Jahr 2007, das die UNESCO als Rumi-Jahr deklariert hat, deutschlandweit verschiedene Veranstaltungen geplant, sowie die Herausgabe von Hörbüchern und Veröffentlichungen, deren Konzeption, Organisation und Realisation von meinem Lebenspartner, Dieter L. Göbel, durchgeführt wird. Hier wäre manche Realisation bzw. Eventorganisation, ohne dass er seine 30jährige Managererfahrung eingebracht hätte, nicht so erfolgreich durchzuführen gewesen. Auch seine professionelle Sprechstimme kommt den Hörbüchern zu Gute. So wird im Sommer dieses Jahres ein erstes „Rumi-Hörbuch“ veröffentlicht, mit dem wir uns die Aufgabe gestellt haben, dem Lebensweg, der Dichtkunst und der Lehren Rumis eine möglichst breite Öffentlichkeit zu verschaffen.

Diese CD aus der Edition "Grenzenlos" soll nicht nur Insider ansprechen, sondern auch neue Kreise erschließen, Menschen ansprechen, die bisher nicht oder nur vage über diesen Kulturkreis informiert waren. So kann Verständnis für einander und ein interessiertes Miteinander generiert werden. Im Zusammenhang mit diesem Hörbuch wird es, wie auch bei früheren CDs aus dieser Edition, Lesungen mit musikalischer Untermalung geben. Darüber hinaus ist an die Herausgabe eines die CD begleitenden Buches gedacht.

MM: Worin unterscheidet sich Ihrer Meinung nach die Mystik muslimischer Herkunft von der auch im Abendland bekannten eigenen Mystik?

Göpel: Zwischen islamischer und christlicher Mystik gibt es zahlreiche Parallelen. Namhafte Beispiele für in Morgen- wie Abendland akzeptierte Mystiker und Gelehrte sind Paracelsus oder Ibn Arabi, der in der christlichen Welt hochgepriesene Doctor Maximus sowie Ibn Rushd (Averroes) dessen bereits im 6.Jh. ins Lateinische übersetzte Kommentare zu Aristoteles als unübertroffen gelten, um nur einige Namen von vielen zu nennen.

Mystik lässt sich nur schwer aus ihrem Zusammenhang lösen, wovon, was die Mystik muslimischer Herkunft anbelangt, hierzulande zahlreiche ebenso wohlmeinende wie fehlgeschlagene Versuche mehr oder weniger etablierter Gruppierungen zeugen. Es besteht nun mal hier im Westen, und inzwischen auch nicht nur bei jungen Menschen, eine Tendenz zur Flucht vor einem der Person und ihren Bestrebungen, Talenten, Wünschen und Bestrebungen entfremdeten oder sie zumindest nicht erfüllenden Alltag. Eine Weltflucht, der häufig auch das Gefühl zugrunde liegt, sein Leben nicht in den Griff zu bekommen.

„Mystik“ kann und darf ebenso wenig zum Ersatz werden, zur Ausrede für ein Weglaufen vor den Problemen und Problemchen des täglichen Lebens, wie sie als emotionales Stimulans missbraucht werden sollte. Mystik lässt sich ganz nüchtern als ein Instrument sehen, mit dem sich Positives für die eigene Entwicklung wie auch für das eigene Umfeld erzielen lässt – vergleichbar einem Hammer mit dem man etwas so nützliches tun kann, wie einen Nagel einzuschlagen, sich aber genauso damit auch auf den Daumen schlagen kann. Es ist ratsam, sich mit mystischen Themen zu befassen, wenn man fest mit beiden Beinen auf dem Boden steht und seine familiären, berufsmäßigen und finanziellen Angelegenheiten im Griff hat.

Die Mystik muslimischer Herkunft ist - wie auch der Islam - außerordentlich praxisorientiert und alltagsnah ausgerichtet, so dass kein Widerspruch entstehen muss zu den Dingen dieser Welt. In diesem Punkt sehe ich auch einen wesentlichen Unterschied zur christlichen Mystik, die traditioneller Weise doch eher im Bereich klösterlicher Zurückgezogenheit stattfindet, als inmitten der Hektik eines Alltagslebens.

MM: Haben Sie auch eine "persönliche" Beziehung zur islamischen Mystik, oder ist es mehr ein wissenschaftliches Interesse?

Göpel: Ich bezweifle, das wissenschaftliches Interesse das geeignete Medium ist, um in einem Bereich wie dem der Mystik, in dem es um Erleben, Fühlen, Erfahren geht, zum Kern der Sache vorzudringen. Da hier ein gewisser Widerspruch in sich besteht, befürchte ich, dass wissenschaftliche Methoden hier eher dazu verurteilt sein werden, das Thema in seinen äußeren Aspekten abzuhandeln. Wie das Sprichwort sagt: Das Geheimnis schützt sich selbst.

MM: Wenn man Sie ganz spontan fragen würde, welches Ihr Lieblingsgedicht von Rumi ist, was würden Sie antworten?

Göpel: Die Anfangsverse des Mathnawi:

‚Hört! Lauscht dem Schilfrohr, wenn es seine Geschichte erzählt.
’wie es wehklagt ob seiner Trennungen..."

MM: Frau Göpel, wir danken für das Interview.

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