MM: Sehr geehrte Frau Göpel. Woher rührt
Ihre besondere Zuneigung zu den persischen Mystikern?
Göpel: Hierzulande sind die Werke der
persischen Klassiker inzwischen zwar in zahlreichen Übersetzungen
zugänglich; tatsächlich gelesen und studiert werden sie meist doch nur
wieder von einem kleinen Fachkreis "Eingeweihter" – von Orientalisten und
interessierten Laien. Leider ist der breiten Öffentlichkeit kaum etwas von
diesen grandiosen Werken höchster Dichtkunst bekannt, deren Inhalte
basierend auf tiefer Weisheit und großer Menschenkenntnis über die
Jahrhunderte hin wirken ohne, dass sie je an Aktualität, Aussagekraft und
Faszination verloren hätten. Diese Verse, die selbstverständlich u.a. auch
zu mystischer Lesart einladen, ermöglichen dem modernen Leser nicht nur
zeitlose Weisheit, Denkanstöße, Trost und Lebenshilfe darin zu finden,
sondern auch einen Schlüssel zu tieferem Verständnis seiner selbst, seiner
Mitmenschen und seiner Umwelt. Ein Beispiel ist hier das Fihi Ma Fihi von
Jelaluddin Rumi, dessen Titel sich in etwa übersetzen lässt als "Es ist
darinnen, was darinnen ist", will sagen: Du kannst aus diesen Versen das für
Dich herausziehen, zu dem Du in der Lage bist.
MM: In wie weit ist die Faszination der
Gedichte überhaupt in der Übersetzung in die deutsche Sprache übertrag- und
vermittelbar?
Göpel: Die ideale Übersetzung eines Werkes
umfasst sämtliche sprachlichen und inhaltlichen Ebenen des Originaltextes,
und wenn sie wirklich gut ist, auch die atmosphärischen Färbungen sowie all
das Ungesagte zwischen den Zeilen. Das Scheitern dieses Unterfangens ist den
Muslimen am Beispiel der Unmöglichkeit einer adäquaten Übersetzung des
Qur’ans wohl bekannt - dessen Bedeutungsfülle in ihrer Kompaktheit wie auch
mit all den zahlreichen mitschwingenden Ebenen sich der Übersetzung in
andere Sprachen im selben Maße entzieht wie jeglicher Versuch, die
Schönheit, die Aussagekraft und den Rhythmus der qur’anischen Sprache
wiederzugeben.
Und trotzdem verhält es sich bekanntermaßen so,
dass Millionen von Muslimen auf der ganzen Welt, die des Arabischen nicht
mächtig sind, großen Nutzen aus dem Studium von Qur’an-Übersetzungen - oder
korrekter, Qur‘an-Übertragungen - in ihre jeweiligen Muttersprachen ziehen.
Es lässt sich hier durchaus eine Parallele zu Rumis
Werken ziehen, wird ja auch in der Fachwelt sein Hauptwerk, das Mathnawi als
„der Qur’an auf Pahlewi“ gerühmt. Sicher ist die Übersetzung klassischer
persischer Werke eine hohe Herausforderung, der leider zahlreiche - auch
namhafte - Übersetzungen in europäische Sprachen ganz und gar nicht gerecht
werden, sei es, weil der Inhalt zu Gunsten von Metrik und Prosodie geopfert
wurde oder weil man die Betonung lieber auf eine verkaufsträchtige stark
emotional gefärbte Lesart legt. Berühmtestes Beispiel ist hier die besonders
im angelsächsischen Raum Fitzgeralds „Kult gewordene“ Übersetzung der
Rubaiyyat von Omar Khayaam. Hier wird ein Werk, bei dem es sich ursächlich
um ein philosophisches und spirituelles Werk voll tiefer Weisheit handelt,
in dem Metaphern wie ‚Wein‘ für Liebe und ‚Trunkenheit‘ für geistigen Rausch
stehen, dem gutgläubigen Leser als ein Dokument hedonistischer
sinnenfreudiger Leichtfertigkeit dargestellt.
Im Ringen darum, beim Übersetzen dem Inhalt des
Originals gerecht zu werden, sind eben auch Entscheidungen zu treffen, wie
z. B. Bilder, die im europäischen Sprachgebrauch gänzlich unbekannt und
somit inhaltsleer sind oder Wortspiele mit denen im Original bestimmte
Anklänge und Gedankenverbindungen hervorgerufen werden, die hierzulande
nicht nachvollziehbar sind (z.B. kalb und qalb – Hund und Herz; gur und gor
– wilder Esel und Grab etc.) doch auf die eine oder andere Art übertragen
werden können, ob eine Annäherungen im Sinne verständlicher Äquivalente
gefunden werden kann oder ob gar ganz auf ihre Wiedergabe verzichtet werden
muss. Da es sich bei dem Versuch, einer Übertragung der Vierzeiler mit ihrer
faszinierenden Kraft von Klang, Reim und Rhythmus in eine europäische
Sprache um ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen handelt, stellt sich
hier durchaus die berechtigte Frage: Was bleibt?
MM: Gut stellen wir die Frage: Was bleibt?
Göpel: Die Antwort darauf, findet sich bei
Rumi. Obwohl seine Poesie ungebrochen über die Jahrhunderte hin auf die
Menschen eine Wirkung ausübte, die man nur als magisch bezeichnen kann,
bestand er darauf, zu betonen, dass Poesie immer nur Nebenprodukt sein
könne, bloße Spiegelung einer unfassbaren inneren Wirklichkeit, die er
"Liebe" nennt: "Was geht mich die Dichtkunst an? Die größte Liebe", so sagt
er, "ist schweigend und lässt sich nicht in Worte fassen."
Darauf basierend, dass Rumi, der unbenommen größte
persische Dichter aller Zeiten nicht müde wurde, zu betonen, wie wenig Wert
er darauf lege, als „Dichter“ bezeichnet zu werden, könnte man es wagen, die
im Original so überaus faszinierenden, ja rauschhaften Verse, als
"Verpackung" zu bezeichnen.
Und was bei einer professionellen, seriösen und
aufrichtigen Übertragung bleibt, ist der Inhalt, der Kern, die Essenz. Mit
Rumis Worten:
"Sieh nicht auf mein Äußeres –
Nimm was ich in meiner Hand habe."
MM: In diesem Jahr werden weltweit 800 Jahre
Rumi gefeiert. Was bedeutet das für Ihre Aktivitäten?
Göpel: In Zusammenarbeit mit den
Kulturabteilungen verschiedener Botschaften und Museen haben wir für dieses
Jahr 2007, das die UNESCO als Rumi-Jahr deklariert hat, deutschlandweit
verschiedene Veranstaltungen geplant, sowie die Herausgabe von Hörbüchern
und Veröffentlichungen, deren Konzeption, Organisation und Realisation von
meinem Lebenspartner, Dieter L. Göbel, durchgeführt wird. Hier wäre manche
Realisation bzw. Eventorganisation, ohne dass er seine 30jährige
Managererfahrung eingebracht hätte, nicht so erfolgreich durchzuführen
gewesen. Auch seine professionelle Sprechstimme kommt den Hörbüchern zu
Gute. So wird im Sommer dieses Jahres ein erstes „Rumi-Hörbuch“
veröffentlicht, mit dem wir uns die Aufgabe gestellt haben, dem Lebensweg,
der Dichtkunst und der Lehren Rumis eine möglichst breite Öffentlichkeit zu
verschaffen.
Diese CD aus der Edition "Grenzenlos" soll nicht
nur Insider ansprechen, sondern auch neue Kreise erschließen, Menschen
ansprechen, die bisher nicht oder nur vage über diesen Kulturkreis
informiert waren. So kann Verständnis für einander und ein interessiertes
Miteinander generiert werden. Im Zusammenhang mit diesem Hörbuch wird es,
wie auch bei früheren CDs aus dieser Edition, Lesungen mit musikalischer
Untermalung geben. Darüber hinaus ist an die Herausgabe eines die CD
begleitenden Buches gedacht.
MM:
Worin unterscheidet sich Ihrer Meinung nach die Mystik muslimischer
Herkunft von der auch im Abendland bekannten eigenen Mystik?
Göpel: Zwischen islamischer und christlicher
Mystik gibt es zahlreiche Parallelen. Namhafte Beispiele für in Morgen- wie
Abendland akzeptierte Mystiker und Gelehrte sind Paracelsus oder Ibn Arabi,
der in der christlichen Welt hochgepriesene Doctor Maximus sowie Ibn Rushd (Averroes)
dessen bereits im 6.Jh. ins Lateinische übersetzte Kommentare zu Aristoteles
als unübertroffen gelten, um nur einige Namen von vielen zu nennen.
Mystik lässt sich nur schwer aus ihrem Zusammenhang
lösen, wovon, was die Mystik muslimischer Herkunft anbelangt, hierzulande
zahlreiche ebenso wohlmeinende wie fehlgeschlagene Versuche mehr oder
weniger etablierter Gruppierungen zeugen. Es besteht nun mal hier im Westen,
und inzwischen auch nicht nur bei jungen Menschen, eine Tendenz zur Flucht
vor einem der Person und ihren Bestrebungen, Talenten, Wünschen und
Bestrebungen entfremdeten oder sie zumindest nicht erfüllenden Alltag. Eine
Weltflucht, der häufig auch das Gefühl zugrunde liegt, sein Leben nicht in
den Griff zu bekommen.
„Mystik“ kann und darf ebenso wenig zum Ersatz
werden, zur Ausrede für ein Weglaufen vor den Problemen und Problemchen des
täglichen Lebens, wie sie als emotionales Stimulans missbraucht werden
sollte. Mystik lässt sich ganz nüchtern als ein Instrument sehen, mit dem
sich Positives für die eigene Entwicklung wie auch für das eigene Umfeld
erzielen lässt – vergleichbar einem Hammer mit dem man etwas so nützliches
tun kann, wie einen Nagel einzuschlagen, sich aber genauso damit auch auf
den Daumen schlagen kann. Es ist ratsam, sich mit mystischen Themen zu
befassen, wenn man fest mit beiden Beinen auf dem Boden steht und seine
familiären, berufsmäßigen und finanziellen Angelegenheiten im Griff hat.
Die Mystik muslimischer Herkunft ist - wie auch der
Islam - außerordentlich praxisorientiert und alltagsnah ausgerichtet, so
dass kein Widerspruch entstehen muss zu den Dingen dieser Welt. In diesem
Punkt sehe ich auch einen wesentlichen Unterschied zur christlichen Mystik,
die traditioneller Weise doch eher im Bereich klösterlicher
Zurückgezogenheit stattfindet, als inmitten der Hektik eines Alltagslebens.
MM: Haben Sie auch eine "persönliche"
Beziehung zur islamischen Mystik, oder ist es mehr ein wissenschaftliches
Interesse?
Göpel: Ich bezweifle, das wissenschaftliches
Interesse das geeignete Medium ist, um in einem Bereich wie dem der Mystik,
in dem es um Erleben, Fühlen, Erfahren geht, zum Kern der Sache
vorzudringen. Da hier ein gewisser Widerspruch in sich besteht, befürchte
ich, dass wissenschaftliche Methoden hier eher dazu verurteilt sein werden,
das Thema in seinen äußeren Aspekten abzuhandeln. Wie das Sprichwort sagt:
Das Geheimnis schützt sich selbst.
MM: Wenn man Sie ganz spontan fragen würde,
welches Ihr Lieblingsgedicht von Rumi ist, was würden Sie antworten?
Göpel: Die Anfangsverse des Mathnawi:
‚Hört! Lauscht dem Schilfrohr, wenn es seine
Geschichte erzählt.
’wie es wehklagt ob seiner Trennungen..."
MM: Frau Göpel, wir danken für das
Interview.