Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Wolfgang Lodders
 

Muslim-Markt interviewt 
Wolfgang Lodders, Emigrant nach Afghanistan

21.5.2007

Wolfgang Lodders (Jahrgang 1953) hat nach der Grundschule eine Ausbildung zum Büroinformationselektroniker absolviert und seine Fähigkeiten bei der Bundeswehr als Zeitsoldat in einer Spezialeinheit Radartechnik und Aufklärung vertieft. Anschließend war er zehn Jahre lang angestellt bei einer Elektronikfirma und weitere zehn Jahre Abteilungsleiter in einer Hard- und Softwarefirma, um sich am Ende selbständig zu machen.

Er nutzte die neuen Freiheit zur Verwirklichung eines Jugendtraumes durch eine ausgiebige Reise in Südamerika, wo er inspiriert wurde, die Nähe Gottes zu suchen. In 2005 nahm er den Islam und später den Namen Nasrallah Reza an. Eine ausgedehnte Reise in den Iran, um auch dort die Lebensverhältnisse und die Spiritualität vor Ort kennen zu lernen, führte ihn schließlich nach Afghanistan, wo er heute lebt und arbeitet.

Wolfgang Lodders ist geschieden und hat keine Kinder.

MM: Sehr geehrter Herr Lodders, wie kamen Sie zum Islam?

Lodders: Ich hatte auf meiner Suche nach meiner für mich richtigen Religion das Schlüsselerlebnis mit dem Heiligen Qur'an. In einer Bücherei entdeckte ich den Qur'an, las ein paar Seiten, verstand überhaupt nichts, denn er ist nicht geschrieben wie ein Roman, fühlte aber die Kraft, die von diesem Buch ausging. Ich hatte mich zuvor ausgiebig mit den Schriften der Juden und Christen beschäftigt. Nach längerem Studium des Qur'an entdeckte ich bei mir, dass sich meine Lebensansichten mit dem Qur'an weitestgehend deckten. Das war ein so schönes Erlebnis, dass sich dann tatsächlich mein Leben verändert hat. Jetzt bin ich mit Leib und Seele ein überzeugter Muslim.

MM: Was führte Sie ausgerechnet nach Afghanistan?

Lodders: Ein alter Freund aus Bremen war vor der Islamischen Revolution im Iran längere Zeit in Afghanistan. Er erzählte mir von freundlichen, herzlichen Menschen und was in Deutschland alles nicht mehr funktioniert in der modernen Gesellschaft. Als nach vier Monaten Aufenthalt im Iran ein Problem mit der Passverlängerung auftrat, habe ich mich an die Worte meines Freundes erinnert und bin in das "böse" und "gefährliche" Afghanistan gefahren. Ich lebte die ersten paar Tage bei einem guten Muslim in Farah als Gast. Die Gastfreundschaft war wirklich bemerkenswert. Auch bei der Suche nach einer Arbeitsstätte war er mir behilflich. Für gute Muslims ist das in Afghanistan eine Selbstverständlichkeit.

MM: Worin bestehen Ihren Aufgaben in Afghanistan, und womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?

Lodders: Ich arbeite zur Zeit bei der deutschen Hilfsorganisation HELP in Herat Afghanistan. Ich bin hier für die Technikausbildung der Lehrer verantwortlich und für alles was Computer und Netzwerk betrifft. Außerdem arbeite ich noch für einen Fernsehsender in Herat und helfe anderen Organisationen bei der Installation von Netzwerken. Es ist jetzt ein Fulltimejob. Ich habe jetzt das gleiche Gehalt wie ein einheimischer Lehrer in Afghanistan. Es reicht gerade zum Leben, aber Geld verdienen war hier auch nicht meine Intention.

MM: Ja gibt es den Netzwerke und Internet in Afghanistan, auch in den Provinzen, zumal viele in Deutschland doch glauben, dass die Kommunikation dort mit Trommeln erfolgt?

Lodders: Wir haben hier noch Trommeln, und die werden auch kräftig geschlagen, aber nur bei Festlichkeiten. Ansonsten arbeiten wir mit direkter Satellitenverbindung. Das ist eine sehr robuste Verbindung, gerade wenn es um internationale Verbindungen geht. Der Server ist von Dell und das Betriebssystem ist MS Server 2003 mit MS SQL Server. Als Mailserver nutzen wir jetzt den Hamster. Das ist eine Software aus Deutschland, die sehr zuverlässig läuft, nichts kostet und eine große Flexibilität in der Konfiguration mit sich bringt. Der Proxyserver wird ebenfalls mit einer Opensource Software, “Squid”, betrieben. Clients sind China-PCs mit MS XP und Office. Wir sind hier auf dem gleichen Stand, wie kleine Büros in Deutschland und haben auch die gleiche Zuverlässigkeit.

MM: Wie empfinden Sie den gelebten Islam in den dennoch meist unterentwickelten Regionen des Landes?

Lodders: Der Kern der Landbevölkerung ist muslimisch und möchte bei kleinem Einkommen ein normales Leben führen, so wie es vor den ganzen Kriegen und Spannungen einmal gewesen ist. Das wird aber international durch so genannte Hilfsaktionen, und dazu gehört auch die kostenlose Weizenlieferung, verhindert. Jetzt kommt noch die Globalisierung dazu, also die Erzeugerpreise sinken, dann geraten die einfachen Leute in eine große Abhängigkeit. Der Plan der Westmächte? Auch ist bei den Jungen eine Abnahme der Gläubigkeit festzustellen, nach Berichten einiger Imame. Das Fernsehen, Mopeds, Mädchen, Handy und die Computer locken, und dabei tritt dann der Glaube in den Hintergrund. Hat das vielleicht Methode? Einige ältere Muslime sprachen sehr positiv über die Taliban-Zeit. Keine Kriminalität, gesichertes Auskommen und keine Zukunftsangst. Das waren die Werte zu der Taliban-Zeit. Natürlich war auch Unrecht zu der Zeit, aber was wiegt schwerer? Jetzt haben wir eine US-Marionetten-Schauspielerregierung mit großen privaten Taschen. Einige sind sehr Reich geworden, das bemerkt man an den großen Mercedes-Benz Autos auf den Strassen, und die Mehrheit ist sehr arm, so wie in Südamerika. Soziale Spannungen sind einkalkuliert, darum gibt es wie in Honduras, Peru usw., hochgerüstete Polizisten, die auf mich, durch Ihre Vermummung, überhaupt keinen guten Eindruck machen. Die organisierte Kriminalität hat einen Grossteil der Bevölkerung so eingeschüchtert, dass sie sich praktisch alles erlauben kann.

MM: Können Sie Ihre Eindrücke etwas konkretisieren. Worin bestehen die Probleme?

Lodders: Hier in Afghanistan, gibt es jetzt nach der Wende zum Westsystem, eine Menge dunkler Geschäftemacher, um es vorsichtig auszudrücken. Diese sind guten Muslims überwiegend nicht wohl gesonnen. Auf dem Lande nehmen die Spannungen weiter zu, denn das Geld ist dort sehr knapp geworden. In vielen Dörfern ist die einzige Möglichkeit noch an Geld zu kommen, sich an diese Geschäftemacher zu verdingen. Rauschgift, illegale Geschäfte und deren Transport ist das Zauberwort. Die Jungen wollen jetzt ganz schnell viel Geld verdienen und werden über die Medien und Stadtmenschen dazu angehalten. Aber gleichzeitig sinken die Erzeugerpreise. Nur die Großbauern haben da noch eine gute Gewinnmöglichkeit, genauso wie im Westen. Die neuen Unruhen werden nicht nur von den Taliban begangen, es sind auch ganz normale Bauern die keine Zukunftsmöglichkeiten mehr sehen.

MM: Warum sorgen die USA und England nicht für Ruhe?

Lodders: Amerika und England bringen zwischenzeitlich das hier gewonnene Uran mit Helikoptern jede Nacht aus dem Land und machen dadurch das Land ärmer. In Amerika der Gründerzeit war nur ein toter Indianer ein guter Indianer, so hat es in der Zukunft auch hier den Anschein.

MM: Haben Sie keine Angst um Ihr Leben, schließlich sind doch schon einige Deutsche Opfer von Mordanschlägen in Afghanistan geworden?

Lodders: Nein, weil als gläubiger Muslim der Tod nicht das Ende des Seins bedeutet und der Tod, so wie es vielfach in der muslimischen Literatur beschrieben steht, das schönste aller Ereignisse im Leben eines Menschen ist, wenn man zu seinem geliebten Herrn zurückkehren kann. Wovor soll ich Angst haben? Ich versuche mich nur vernünftig auf den unweigerlichen Tag vorzubereiten.

Bei meiner Arbeit hier, wird schon viel geredet über den Tod. Er ist praktisch in allen Köpfen über den Tag irgendwo vorhanden. Es besteht aber auch ein Interesse mancher mafiöser Gruppen in diesem Land, diese Angst permanent zu schüren. So lassen sich einfache Menschen leicht aus Angst für die Dienste der Mafia gewinnen.

MM: Und haben nicht bereits einige Geheimdienste versucht Sie anzuwerben?

Lodders: Nein, bis jetzt noch nicht. Aber in vielen Ländern werde ich von Geheimdiensten beobachtet. Grund: Mein Vater war in der Nazipartei aktiv und lobte, auch nach 1945, viele Eigenschaften der Nazipartei. Deshalb wurde unsere ganze Familie zeitweise überwacht. Nach meinem Übertritt zu den Muslimen fühlte ich mich regelrecht von Geheimdiensten verfolgt, insbesondere wenn ich mich mit Muslimen traf. Erstaunlich oft geriet ich im Anschluss an "zufällige" Polizeikontrollen.

MM: Haben Sie denn mit den Nazis sympathisiert?

Lodders: Ich bin ja erst acht Jahre nach Kriegsende geboren. Mag sein, dass ich in jungen Jahren dem Erziehungseinfluss diesbezüglich unterlegen war, aber heute weiß ich, insbesondere als Muslim, dass jeglicher Rassismus bzw. "völkisches Denken", wie es die Neonazis nennen, nichts mit Gottesehrfrucht zu tun hat, sondern vielmehr die Einheit der Menschheit in Wahrheit und Gerechtigkeit das angestrebte Ziel ist. Völkisches Denken trennt, der Islam vereint.

MM: Der deutsche Innenminister sieht eine besondere Gefahr in deutschen Muslimen. Sind Sie ein potentieller "islamistischer Terrorist"?

Lodders: Nach dem Übertritt zum Islam wurde wohl auch ich als möglicher Terrorrist angesehen. Der Islam ist aber eine friedliche Religion, darum verbietet der Islam auch jede Form der Gewaltanwendung. Nur in ganz bestimmten Ausnahmefällen ist der Einsatz der Gewalt erlaubt, und die dienen ausschließlich der Notwehr und der Selbstverteidigung. Eine "Präventivverteidigung", wie es derzeit die westliche Welt praktiziert, wäre im Islam verboten. Die größte Gewalt auf Erden wird derzeit ohnehin gegen Muslime ausgeübt, aber dass wollen so viele Menschen in unserer Heimat nicht wissen.

MM: Welche Beziehung haben Sie in der Ferne zu Deutschland?

Lodders: Mein Interesse an Deutschland wird stetig geringer. Als Muslim muss ich in einem Land leben, das wenigsten die Minimalanforderung der Gerechtigkeit und Freiheit erfüllt. Ist das denn noch in Deutschland gewährleistet? Der Innenminister und die Volksparteien fordern immer mehr, die totale Überwachung in allen Bereichen. Im 1000-jährigen Reich gab es für diese Aufgabe den Blockwart. Man könnte fast denken, der ist heute in der BRD durch die US-Organisation NSA mit Ihren Spezialcomputern ersetzt worden. Der Unterschied ist nur die Effizienz. Freiheit des Einzelnen oder Generalverdacht für alle? Traut der deutsche Staat etwa seinen eigenen Bürgern nicht mehr?

In Afghanistan wird ein Fremder immer als Gast willkommen geheißen, auch bei den Staatsdienern ist es so und Tee wird immer freundlich angeboten. Ist das etwa auch ein Generalverdacht?

Ich glaube wir sind Zeitzeugen eines Deutschlands, das mit Abstand betrachtet, im freien Fall, unter Mithilfe von Europa, in die Zügellosigkeit der globalen Märkte gestoßen wird. Dabei wird alles aufgegeben, was in Jahrhunderten gewachsen ist und sich auch sehr gut bewährt hat. Alle Vorsicht und Weitsicht der Urväter wird jetzt in einem Wettlauf des Ausverkaufs geopfert. Wenn betrogen werden soll, dann gilt der Preis für das einmalige Sonderangebot auch nur heute und nicht morgen. Warum also diese Eile im Zusammenschluss oder anders gesagt im Ausverkauf?

Soll sich ein Muslim in solch einem globalen System noch aufhalten?

MM: In Ihrer Zeit in Deutschland waren Sie leidenschaftlicher Motorradfahrer. Die dortigen Maschinen dürften nicht ganz Ihren Ansprüchen diesbezüglich genügen. Bring es dennoch Freude im Land Motorrad zu fahren?

Lodders: Ja, unbedingt. Wenn ich auf dem kleinen Motorrad in die kleinen Dörfer fahre, komme ich sofort mit den Einheimischen ins Gespräch. Da sind wir dann auf einer Ebene. Mit einem viel größeren Motorrad währe das mit Sicherheit so nicht möglich. Außerdem sind die meisten Wege nicht asphaltiert und gerade da haben sich die kleinen 125 ccm mit 10 PS sehr gut bewehrt; leicht und geländegängig. Wenn in der Regenzeit auch mal ein neuer Fluss den Weg kreuzt, dann wird das Motorrad mit Hilfe von zwei kräftigen Männern auch mal getragen. Ein letzter Vorteil ist: Das Ding passt auch in einen Minibus, und damit lassen sich dann auch lange Distanzen bequem überwinden. Der Preis für ein neues Chinaprodukt beträgt ca. 350 EUR. Versicherung gibt es hier nicht! Und die Zulassung? Manche haben eine, andere nicht, das ist hier der Afghanistanstyle.

MM: Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Lodders: Das weiß nur Allah! Ich habe in meinem Alter lernen dürfen, dass es noch etwas anderes gibt, als die ureigensten, privaten Pläne. Es gibt den Schöpfer des Universums, und wenn man sich lange mit Seinen Werken vertraut gemacht hat, dann kann man auch ein Gefühl für die Zukunft entwickeln. Ich achte jetzt sehr auf Gedanken und Gefühle, die ich z.B. beim Beten, Qur'an-Lesen oder Motorradfahren im Kopf habe. Sehe ich dann, das gewisse Dinge erledigt sind und starke Interessen sich im Kopf breit machen, dann ist es Zeit zu handeln. Ich empfinde es dann als Hinweis von Allah. Damit verläuft mein Leben jetzt viel sorgenfreier und intensiver als in den ganzen Jahren davor. Allah lässt die Seinen niemals ohne Schutz und Nahrung, was auch komme mag. Ich habe erst die halbe Welt gesehen, es fehlt offensichtlich noch der Rest.

MM: Sehr geehrter Herr Lodders. Wir danken für das interview.

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