MM:
Sehr
geehrter Herr Lodders, wie kamen Sie zum Islam?
Lodders:
Ich hatte
auf meiner Suche nach meiner für
mich
richtigen Religion das Schlüsselerlebnis mit dem Heiligen Qur'an. In einer
Bücherei entdeckte ich den Qur'an, las ein paar Seiten, verstand überhaupt
nichts, denn er ist nicht geschrieben wie ein Roman, fühlte aber die Kraft,
die von diesem Buch ausging. Ich hatte mich zuvor
ausgiebig mit den Schriften der Juden und Christen beschäftigt. Nach
längerem Studium des Qur'an entdeckte ich bei mir, dass sich meine
Lebensansichten mit dem Qur'an weitestgehend deckten. Das war ein so schönes
Erlebnis, dass sich dann tatsächlich mein Leben verändert hat. Jetzt bin ich
mit Leib und Seele ein überzeugter Muslim.
MM:
Was
führte Sie ausgerechnet nach
Afghanistan?
Lodders:
Ein alter
Freund aus
Bremen war vor der Islamischen
Revolution im
Iran längere Zeit in
Afghanistan.
Er erzählte mir von freundlichen, herzlichen Menschen und was in Deutschland
alles nicht mehr funktioniert in der modernen Gesellschaft. Als nach vier
Monaten Aufenthalt im Iran ein Problem mit der Passverlängerung auftrat, habe ich
mich an die
Worte meines Freundes erinnert und bin in das "böse" und "gefährliche"
Afghanistan
gefahren. Ich lebte die ersten paar Tage bei einem guten Muslim in Farah als
Gast. Die Gastfreundschaft war wirklich bemerkenswert. Auch bei der Suche
nach einer Arbeitsstätte war er mir behilflich. Für gute Muslims ist das in
Afghanistan
eine Selbstverständlichkeit.
MM:
Worin
bestehen Ihren Aufgaben in
Afghanistan,
und womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?
Lodders:
Ich
arbeite zur Zeit bei der deutschen Hilfsorganisation HELP in
Herat
Afghanistan.
Ich bin hier für die Technikausbildung der Lehrer verantwortlich und für
alles was Computer und Netzwerk betrifft. Außerdem arbeite ich noch für
einen Fernsehsender in
Herat
und helfe anderen Organisationen bei der Installation von Netzwerken. Es ist
jetzt ein Fulltimejob. Ich habe jetzt das gleiche Gehalt wie ein
einheimischer Lehrer in
Afghanistan.
Es reicht gerade zum Leben, aber Geld verdienen war hier auch nicht meine
Intention.
MM:
Ja gibt
es den Netzwerke und Internet in
Afghanistan, auch in
den Provinzen, zumal viele in Deutschland doch glauben, dass die
Kommunikation dort mit Trommeln erfolgt?
Lodders: Wir haben hier noch Trommeln, und die werden auch kräftig
geschlagen, aber nur bei Festlichkeiten. Ansonsten arbeiten wir mit direkter
Satellitenverbindung. Das ist eine sehr robuste Verbindung, gerade wenn es
um internationale Verbindungen geht. Der Server ist von Dell und das
Betriebssystem ist MS Server 2003 mit MS SQL Server. Als Mailserver nutzen
wir jetzt den Hamster. Das ist eine Software aus Deutschland, die sehr
zuverlässig läuft, nichts kostet und eine große Flexibilität in der
Konfiguration mit sich bringt. Der Proxyserver wird ebenfalls mit einer
Opensource Software, “Squid”, betrieben. Clients sind China-PCs mit MS XP und
Office. Wir sind hier auf dem gleichen Stand, wie kleine Büros in
Deutschland und haben auch die gleiche Zuverlässigkeit.
MM:
Wie
empfinden Sie den gelebten Islam in den dennoch meist unterentwickelten
Regionen des Landes?
Lodders:
Der Kern
der Landbevölkerung ist muslimisch und möchte bei kleinem Einkommen ein
normales Leben führen, so wie es vor den ganzen Kriegen und Spannungen einmal gewesen ist. Das wird aber international durch so genannte Hilfsaktionen,
und dazu gehört auch die kostenlose Weizenlieferung, verhindert. Jetzt kommt
noch die Globalisierung dazu,
also die Erzeugerpreise sinken, dann geraten die einfachen Leute in eine
große Abhängigkeit. Der Plan der Westmächte? Auch ist bei den Jungen eine
Abnahme der Gläubigkeit festzustellen, nach Berichten einiger Imame. Das
Fernsehen, Mopeds, Mädchen, Handy und die Computer locken, und dabei tritt
dann der Glaube in den Hintergrund. Hat das vielleicht Methode? Einige
ältere Muslime sprachen sehr positiv über die Taliban-Zeit. Keine
Kriminalität, gesichertes Auskommen und keine Zukunftsangst. Das waren die
Werte zu der Taliban-Zeit. Natürlich war auch Unrecht zu der Zeit, aber was
wiegt schwerer? Jetzt haben wir eine US-Marionetten-Schauspielerregierung
mit großen privaten Taschen. Einige sind sehr Reich geworden, das bemerkt
man an den großen Mercedes-Benz Autos auf den Strassen, und die Mehrheit ist
sehr arm, so wie in Südamerika. Soziale Spannungen sind einkalkuliert, darum
gibt es wie in
Honduras, Peru
usw., hochgerüstete Polizisten, die auf
mich,
durch Ihre Vermummung, überhaupt keinen guten Eindruck machen. Die
organisierte Kriminalität hat einen Grossteil der Bevölkerung so
eingeschüchtert, dass sie sich praktisch alles erlauben kann.
MM:
Können
Sie Ihre Eindrücke etwas konkretisieren. Worin bestehen die Probleme?
Lodders:
Hier in
Afghanistan,
gibt es jetzt nach der Wende zum Westsystem, eine Menge dunkler
Geschäftemacher, um es vorsichtig auszudrücken. Diese sind guten Muslims
überwiegend nicht wohl gesonnen. Auf dem Lande nehmen die Spannungen weiter
zu, denn das Geld ist dort sehr knapp geworden. In vielen Dörfern ist die
einzige Möglichkeit noch an
Geld zu kommen, sich an diese Geschäftemacher zu verdingen. Rauschgift,
illegale Geschäfte und deren Transport ist das Zauberwort. Die Jungen wollen
jetzt ganz schnell viel Geld verdienen und werden über die Medien und
Stadtmenschen dazu angehalten. Aber gleichzeitig sinken die Erzeugerpreise.
Nur die Großbauern haben da noch eine gute Gewinnmöglichkeit, genauso wie
im Westen. Die neuen Unruhen werden nicht nur von den Taliban begangen, es
sind auch ganz normale Bauern die keine Zukunftsmöglichkeiten mehr sehen.
MM:
Warum
sorgen die
USA und
England
nicht für Ruhe?
Lodders:
Amerika
und
England
bringen zwischenzeitlich das hier gewonnene Uran mit Helikoptern jede Nacht
aus
dem
Land und machen dadurch
das
Land
ärmer. In Amerika der Gründerzeit war nur ein toter Indianer ein guter
Indianer, so hat es in der Zukunft auch hier den Anschein.
MM:
Haben Sie
keine Angst um Ihr Leben, schließlich sind doch schon einige Deutsche Opfer
von Mordanschlägen in
Afghanistan
geworden?
Lodders:
Nein, weil als gläubiger Muslim der Tod nicht das Ende des Seins bedeutet
und der Tod, so wie es vielfach in der muslimischen Literatur beschrieben
steht, das schönste aller Ereignisse im Leben eines Menschen ist, wenn man
zu seinem geliebten Herrn zurückkehren kann. Wovor soll ich Angst haben? Ich
versuche
mich nur vernünftig auf den
unweigerlichen Tag vorzubereiten.
Bei
meiner Arbeit hier, wird schon viel geredet über den Tod. Er ist praktisch
in allen Köpfen über den Tag irgendwo vorhanden. Es besteht aber auch ein
Interesse mancher mafiöser Gruppen in
diesem
Land,
diese Angst permanent zu schüren. So lassen sich einfache Menschen leicht
aus Angst für die Dienste der Mafia gewinnen.
MM:
Und haben
nicht bereits einige Geheimdienste versucht Sie anzuwerben?
Lodders:
Nein, bis jetzt noch
nicht. Aber in vielen Ländern werde ich von Geheimdiensten beobachtet.
Grund: Mein Vater war in der Nazipartei aktiv und lobte, auch nach 1945,
viele Eigenschaften der Nazipartei. Deshalb wurde unsere ganze Familie
zeitweise überwacht. Nach meinem Übertritt zu den Muslimen fühlte ich
mich regelrecht von Geheimdiensten
verfolgt, insbesondere wenn ich
mich mit Muslimen traf.
Erstaunlich oft geriet ich im Anschluss an "zufällige" Polizeikontrollen.
MM:
Haben Sie
denn mit den Nazis sympathisiert?
Lodders:
Ich bin ja erst acht Jahre nach Kriegsende geboren. Mag sein, dass ich in
jungen Jahren dem Erziehungseinfluss diesbezüglich unterlegen war, aber
heute weiß ich, insbesondere als Muslim, dass jeglicher Rassismus bzw. "völkisches
Denken", wie es die Neonazis nennen, nichts mit Gottesehrfrucht zu tun hat,
sondern vielmehr die Einheit der Menschheit in Wahrheit und Gerechtigkeit
das angestrebte Ziel ist. Völkisches Denken trennt, der Islam vereint.
MM:
Der
deutsche Innenminister sieht eine besondere Gefahr in deutschen Muslimen.
Sind Sie ein potentieller "islamistischer Terrorist"?
Lodders:
Nach dem
Übertritt zum Islam wurde wohl auch ich als möglicher Terrorrist angesehen.
Der Islam ist aber eine friedliche Religion, darum verbietet der Islam auch
jede Form der Gewaltanwendung. Nur in ganz bestimmten Ausnahmefällen ist der
Einsatz der Gewalt erlaubt, und die dienen ausschließlich der Notwehr und
der Selbstverteidigung. Eine "Präventivverteidigung", wie es derzeit die
westliche Welt praktiziert, wäre im Islam verboten. Die größte Gewalt auf
Erden wird derzeit ohnehin gegen Muslime ausgeübt, aber dass wollen so viele
Menschen in unserer Heimat nicht wissen.
MM:
Welche
Beziehung haben Sie in der Ferne zu Deutschland?
Lodders: Mein Interesse an Deutschland wird
stetig geringer. Als Muslim muss ich in einem Land leben, das wenigsten die
Minimalanforderung der Gerechtigkeit und Freiheit erfüllt. Ist das denn noch
in Deutschland gewährleistet? Der Innenminister und die Volksparteien
fordern immer mehr, die totale Überwachung in allen Bereichen. Im
1000-jährigen Reich gab es für diese Aufgabe den Blockwart. Man könnte fast
denken, der ist heute in der BRD durch die
US-Organisation NSA mit Ihren Spezialcomputern ersetzt worden. Der Unterschied
ist nur die Effizienz. Freiheit des Einzelnen oder Generalverdacht für alle?
Traut der deutsche Staat etwa seinen eigenen Bürgern nicht mehr?
In
Afghanistan wird ein
Fremder immer als Gast willkommen geheißen, auch bei den Staatsdienern ist
es so und Tee wird immer freundlich angeboten. Ist das etwa auch ein
Generalverdacht?
Ich
glaube wir sind Zeitzeugen eines Deutschlands, das mit Abstand
betrachtet, im freien Fall, unter Mithilfe von Europa, in die Zügellosigkeit
der globalen Märkte gestoßen wird. Dabei wird alles aufgegeben, was in
Jahrhunderten gewachsen ist und sich auch sehr gut bewährt hat. Alle
Vorsicht und Weitsicht der Urväter wird jetzt in einem Wettlauf des
Ausverkaufs geopfert. Wenn betrogen werden soll, dann gilt der Preis für das
einmalige Sonderangebot auch nur heute und nicht morgen. Warum also diese
Eile im Zusammenschluss oder anders gesagt im Ausverkauf?
Soll
sich ein Muslim in solch einem globalen System noch aufhalten?
MM:
In Ihrer
Zeit in Deutschland waren Sie leidenschaftlicher Motorradfahrer. Die
dortigen Maschinen dürften nicht ganz Ihren Ansprüchen diesbezüglich
genügen. Bring es dennoch Freude im Land Motorrad zu fahren?
Lodders:
Ja, unbedingt. Wenn ich auf dem kleinen Motorrad in die kleinen Dörfer
fahre, komme ich sofort mit den Einheimischen ins Gespräch. Da sind wir dann
auf einer Ebene. Mit einem viel größeren Motorrad währe das mit Sicherheit
so nicht möglich. Außerdem sind die meisten Wege
nicht asphaltiert und gerade da haben sich die kleinen 125 ccm mit 10 PS sehr
gut bewehrt; leicht und geländegängig. Wenn in der Regenzeit auch mal ein
neuer Fluss den Weg kreuzt, dann wird das Motorrad mit Hilfe von zwei
kräftigen Männern auch mal getragen. Ein letzter Vorteil ist: Das Ding
passt auch in einen Minibus, und damit lassen sich dann auch lange Distanzen
bequem überwinden. Der Preis für ein neues Chinaprodukt beträgt ca. 350 EUR.
Versicherung gibt es hier nicht! Und
die Zulassung? Manche haben eine, andere nicht, das ist hier der Afghanistanstyle.
MM:
Wie sieht
Ihre Zukunft aus?
Lodders: Das weiß nur Allah! Ich habe in meinem Alter lernen dürfen,
dass es noch etwas anderes gibt, als die ureigensten, privaten Pläne. Es
gibt den Schöpfer des Universums, und wenn man sich lange mit Seinen Werken
vertraut gemacht hat, dann kann man auch ein Gefühl für die Zukunft
entwickeln. Ich achte jetzt sehr auf Gedanken und Gefühle, die ich z.B. beim
Beten, Qur'an-Lesen oder Motorradfahren im Kopf habe. Sehe ich dann, das
gewisse Dinge erledigt sind und starke Interessen sich im Kopf breit machen,
dann ist es Zeit zu handeln. Ich empfinde es dann als Hinweis von Allah.
Damit verläuft mein Leben jetzt viel sorgenfreier und intensiver als in den
ganzen Jahren davor. Allah lässt die Seinen niemals ohne Schutz und
Nahrung, was auch komme mag. Ich habe erst die
halbe Welt gesehen, es fehlt offensichtlich noch der Rest.
MM:
Sehr
geehrter Herr Lodders. Wir danken für das interview.
